Der alte Haudegen Grigorjenko durfte die Sowjetunion verlassen

Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im November

Ein General ohne Orden und Lametta. Der Anblick ist selten in der Sowjetunion. Der Straßenanzug des Siebzigjährigen ist so kurz und eng, als wüchsen die langen Glieder des Hochaufgeschossenen noch immer nach. Doch Pjotr Grigorjenko geht schlürfend, gesenkt pendelt sein schwerer, spiegelglatter Kopf zwischen den schmalen Schultern. Wo immer in den letzten Jahren von Unrecht und Mißbrauch der Macht zu berichten war, aus der Enge Moskauer Bürgerrechtler-Stuben, da leuchtete dieser Schädel durch die beißenden Tabakschwaden. Mitte dieser Woche ist der unanfechtbarste Moskauer Dissident, unumstrittener selbst als Nobelpreisträger Sacharow, mit Frau und Sohn in die Vereinigten Staaten ausgeflogen.

Grigorjenko will sich dort einer komplizierten Operation unterziehen und seinen zweiten Sohn wiedersehen. Das Ausreisevisum, befristet auf ein halbes Jahr, erhielt er plötzlich, aber kaum zufällig. Nur wenige glauben, daß die zuständigen Behörden den alten Haudegen – er kämpfte gegen Deutsche und Japaner, gegen Stalinismus und Personenkult, für Krim-Tataren und Ukrainer, für tschechische Reformer und russische Systemkritiker – je wieder nach Moskau einziehen lassen werden.

Ein Abschied für immer? Der alte Mann senkt die großen, klobigen Hände zu Boden: "Wir würden uns nie zu der Reise entschlossen haben", so hilft mit energischem Tonfall seine Frau aus der Stille, "wenn wir einen Augenblick an unserer Rückkehr gezweifelt hätten." Viele zweifeln dennoch. Grigorjenkos Abschiedsabende ertranken in einem Meer von Blumen und russischer Rührung, selbst Heimaterde gab man ihm mit auf den Weg.

Der mit Emotionen überfrachteten Vaterfigur der Moskauer Dissidenten sind schon etliche Gleichgesinnte vorausgegangen. Auffällig viele – Oppositionelle, Nonkonformisten oder auch nur Randfiguren – haben überraschend die Ausreisegenehmigung erhalten. Anders als Grigorjenko mußten sie dafür zumeist ihre Staatsbürgerschaft aufgeben, gegen teures Geld. Durch das plötzliche Eingehen auf Emigrationswünsche verbindet Moskau sein Ziel, die Dissidenten-Szene auszudünnen, mit einer jovial-liberalen Geste in Richtung Belgrader KSZE-Konferenz. Vorangegangen sind dem jetzigen Exodus freilich zu Beginn des Jahres die Verhaftungen der aktivsten Organisatoren wie Orlow (Helsinki-Komitee), Ginsburg (Solschenizyn-Fonds) und Scharanskij; harte Urteile gegen ukrainische Bürgerrechtler folgten.