Als Richter Engelken am 17. November kurz nach zehn Uhr den Verhandlungssaal des Buxtehuder Amtsgerichts betrat, um einem wegen Betrugs Angeklagten den Prozeß zu machen, erspähte er auf den Zuschauerbänken jemanden, dem er gar nicht grün war: Karl-Wolfgang Biehusen, einen kritischen jungen Mann von 30 Jahren, Allround-Reporter beim Buxtehuder Tageblatt. In dem liberalen Lokalblättchen hatte Biehusen vierzehn Tage zuvor harte Worte für Richter Engelken gefunden, nachdem der gerade einen angeblichen Autodieb verknackthatte:

"Seine Verhandlungsführung sprach rechtsstaatlichem Empfinden Hohn", hatte der Reporter geschrieben; "er ließ dem Angeklagten von vornherein keine Chance. Der Richter suchte nicht nach der Wahrheit, sondern nach der Schuld von Erwin B. ‚Der Angeklagte ist durch und durch kriminell.‘ Als Schlag ins Gesicht mußten der Verteidiger und sein Mandant empfinden, daß der Richter fast wörtlich die Begründung für sein Urteil lieferte, die einst der Dichter Kurt Tucholsky als Satire auf die Rechtsprechung undemokratischer Gerichte schrieb – und vom Verteidiger zuvor zitiert wurde: Weil dem Angeklagten die Tat zuzutrauen ist, hat er sie auch begangen."

Dem Richter, dessen Wirken in der norddeutschen Kleinstadt nicht unumstritten ist und dem man nachsagt, den militärischen Ton und eine nationale Gesinnung zu pflegen ("von seinem Schlage gab’s früher mehr"), ging so viel Kritik über die Hutschnur. Also fragte er Karl-Wolfgang Biehusen an jenem Morgen streng: "Sind Sie Herr Biehausen?" Der verbesserte: "Biehusen, ja." Das Gericht unterbrach die Verhandlung und zog sich zur Beratung zurück.

Einige Minuten später kam Engelken mit seinen beiden Schöffinnen zurück und erklärte, daß "Herrn Biehausens" Bericht und Kommentar in Sachen B. nicht nur nicht objektiv, sondern auch persönlich herabsetzend gewesen seien. Und da bei "Herrn Biehausen" Wiederholungsgefahr gegeben sei, verdonnerte der Richter Karl-Wolfgang Biehausen zum Ausschluß von Sitzungen des Schöffengerichts.

Rechtsmittelbelehrung gab’s nicht, sagen durfte der junge Mann auch nichts mehr. Er mußte also den Saal verlassen. Aber er alarmierte den Rechtsanwalt seiner Zeitung, und der legte gegen den rasanten Eingriff in die Pressefreiheit Beschwerde ein.

Inzwischen hat die Geschichte in Buxtehude die Runde gemacht. Die überregionale Presse und der Rundfunk interessieren sich für den Fall. Richter Engelken steckt zurück und läßt seinen Kritiker wieder in den Gerichtssaal – doch offenbar nicht aus besserer Einsicht: Er will gehört haben, daß Rechtsanwalt Eylmann zugesagt habe, die Zeitung würde die Vorwürfe zurücknehmen und nicht wiederholen. Davon aber kann überhaupt nicht die Rede sein.

Ob Richter Engelken eine Welt noch versteht, in der die Ordnung im Gerichtssaal durch einen kritischen Bericht nicht gestört wird und in der sein alter Bekannter und CDU-Parteifreund Eylmann gegen ihn mit einer Beschwerde vorm Oberlandesgericht in Celle auftritt? Richter Engelken beantwortet keine Fragen mehr und läßt ausrichten, er gebe diesbezüglich keine Auskünfte.

Daß der Amtsrichter inzwischen nicht mehr im Schöffengericht tätig ist, sondern als Einzelrichter in kurzlebigen Strafsachen, die schnell verjähren, will Landgerichtspräsident März, der sich nur ungern und sehr wortkarg zur Sache äußern mag, nicht als Konsequenz aus dem Verhalten des Richters verstanden wissen: Das habe andere Gründe – Urlaub, Krankheit von Kollegen... Margrit Gerste