Ach, wie häufig hat das Deutsche Fernsehvolk sie da stehen sehen, an der Rolltreppe auf dem Flugfeld, das Haar schon etwas zerzaust vom Hauch der weiten Welt, den Blick, am Reporter vorbei, auf Bedeutendes gerichtet: Die Kanzler, Minister, Staatssekretäre, Oppositionsführer und so weiter und so weiter. Was sie über ihre Reisezwecke sagten, war nur selten wichtig, aber die "besseren Beziehungen" kamen fast immer vor.

Das Ritual wiederholte sich dann bei der Rückkehr; die Beziehungen waren natürlich "besser" geworden – aber ansonsten vernahm man zumeist nur Nichtssagendes. Und wenn einmal eine bohrende Frage gestellt wurde, so bewährte sich noch jedesmal ein Antwort-Trick, der vor allem von Genscher zu purer Perfektion entwickelt wurde: "Lassen Sie mich zunächst einmal sagen ..." Dann kam, tunlichst ohne Pause, eine Verkaufe. Und wenn sich der Reporter getraute nachzufragen, waren die sechzig oder neunzig Sekunden, die ihm die Nachrichtenredaktion zugebilligt hatte, ohnehin schon verstrichen.

Zugegeben, die belanglosen Pflichtinterviews auf dem Bonner Flugplatz sind eingeschränkt worden. Das geht nicht zuletzt, jedenfalls bei der ARD, auf die Hartnäckigkeit des ehemaligen Politik-Koordinators Heinz Werner Hübner zurück, der die Kollegen der Tagesschau und des Bonner Büros so lange grimmig verhöhnte, bis sie selber eine Allergie gegen Stuyvesant-Interviews und gegen – dies war eine weitere TV-Pest – Limousinen-Vorfahrten bei Politikerkonferenzen entwickelten. Rückfälle gibt es immer noch – und immer noch nehmen Politikerköpfe und Politikeraussagen einen manchmal unerträglich breiten Raum in den Nachrichtensendungen ein.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen ist. kaum ein Politiker in der Lage, in "einsdreißig" oder vielleicht in zwei Minuten ohne Umschweife das auszudrücken, was er sagen wollte. Vielfach bleibt es sowieso bei den Umschweifen. Solche Auftritte sind überflüssig, jede andere Nachricht wäre interessanter. Eines allerdings sagen die Nichtssagenden fast jedesmal: Sie sprechen den Interviewer gleich am Anfang mit seinem Namen an: "Herr Lueg..." Eine gezielte Geste der scheinbaren Wertschätzung, ein bißchen Honig für die Eitlen, manchmal auch eingespielte Kumpanei. Geradezu berühmt in der deutschen Fernsehgeschichte ist Minister Schillers Standardeinleitung geworden: "Mein lieber Herr Nowotny..."

Wie kommt es zu der übermäßigen Politikerrepräsentanz auf dem Bildschirm? Das liegt nicht, oder nicht allein, an der Einfallslosigkeit (oder Willfährigkeit) der Nachrichtenmacher – viele von ihnen stemmen sich täglich verzweifelt gegen die Lawine von dringlichen Politikerwünschen. Das liegt auch nicht, oder nicht allein, an jener Eitelkeit der Reporter (oder der Moderatoren bei den politischen Magazinen), die sich als Partner der Großen wohlig fühlen und bei ihren Interviews eher sich selbst als das Publikum ins Bild setzen.

Wichtiger ist der ständige Druck der Parteien, die sich in Mißinterpretation ihrer leider viel zu starken Kontrollfunktion schlichtweg als Besitzer des öffentlich rechtlichen Rundfunks fühlen. Da tritt in den Parteibüros die Stoppuhr in Aktion: Wer durfte und wie lange durfte er auftreten? Und wehe, wenn der Sekundenproporz nicht stimmte oder wenn gar der parteipolitische Grundanspruch "Einer von denen – also auch einer von uns" einmal nicht erfüllt wurde. Dann prasseln die Proteste. Und Vorwürfe wie "linkslastig" oder "rechtslastig" werden gleich abgefeuert. Die Leute von der "Tagesschau" oder von "Heute" können ein Lied davon singen.

Ein pikantes Gerangel gibt es immer bei den Bundestagsdebatten oder den Parteitagen. Dann versuchen prominente Politiker ihre Reden so zu legen, daß sie mit Passagen, auf die es ihnen ankommt, "life" in die Nachrichtensendungen ausgestrahlt werden. Timing ist alles. Dies Gerangel haben die Politiker allerdings unter sich auszumachen – aber es gehört zum leidigen und lästigen Thema "Fernseh-Geilheit".