Von Felix Schmidt

Herr Bernstein, es scheint, Sie haben Amerika den Rücken gekehrt, um das musikalische Europa zu erobern. In diesem Sommer haben Sie in der Alten Welt ein Gastspiel nach dem anderen absolviert, weitere sind geplant. Ist das Zufall oder Strategie?

Bernstein: Strategie – das ist doch alles aufgebauscht worden. In diesem Jahr war es ein wenig mehr als sonst. Aber ich komme seit elf Jahren jedes Jahr zu Konzerten und Opernaufführungen nach Europa, genau gesagt: seit ich 1966 an der Wiener Oper den "Falstaff" von Verdi dirigiert habe. Ich habe seither in Wien, Paris und London gearbeitet, ich habe in diesen elf Jahren beispielsweise alle Sinfonien von Gustav Mahler aufgeführt und viel, viel Beethoven.

Was hat das mit den elf Jahren auf sich, warum sind Sie nicht früher nach Europa gekommen?

Bernstein: Das ist ganz einfach. Ende 1966 habe ich meinen Posten als Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker verlassen. Ich war endlich ein freier Mann, hatte endlich Zeit, auch andere Orchester zu dirigieren und vor allem, mich der Oper zuzuwenden.

Erstaunlicherweise haben Sie 1966 überhaupt erstmals eine Oper dirigiert.

Bernstein: Stimmt. "Fallstaff" an der Metropolitan-Opera in New York.