Der Polen-Besuch des Bundeskanzlers ist in Gewicht und historischer Bedeutung nur zu vergleichen mit den frühen Reisen Konrad Adenauers nach Frankreich. Westdeutsche und Polen einander näher zu bringen, ist schwierig; die Zugehörigkeit zu zwei verschiedenen politischen Welten hat die durch ein entsetzliches Besatzungsregime aufgerissenen Gräben sicher unüberbrückbar gemacht. Gleichwohl: Verständigung mit dem polnischen Volk zu suchen, wer es auch regiert, muß jeden Kanzler herausfordern.

Helmut Schmidt betrachtet Polen zwar als Teil des kommunistischen Lagers, aber auch als Teil der europäischen Staatenwelt. Es geht ihm nicht nur darum, die Vergangenheit zu bewältigen, er will die Verständigung als Instrument gesamteuropäischer Politik einsetzen. Das hat er in Polen letzte Woche immer wieder deutlich gemacht. Auch Gierek hat gute Motive für den Wunsch, die Spaltung des Kontinents zu mildern.

Auf beiden Seiten ist dazu höchste staatsmännische Kunst vonnöten. Die Deutschen müssen für den Staat und die Menschen Polens ihre Schrecken verlieren – und die Polen dürfen zu keiner Zeit die Interessen der Sowjetunion außer acht lassen, deren Griff auch Kommunisten in Warschau als beengend empfinden.

Ein Gebiet, auf dem Polen und Westdeutsche parallele Interessen haben, ist das Feld der Abrüstung in Europa. Der Kanzler, seit einem Jahr voller Ungeduld über den stockenden Verlauf der Wiener MBFR-Verhandlungen, erinnerte in Polen wiederholt an die Vorstöße des ersten Warschauer Außenministers nach der Stalin-Ära, Adam Rapacki. Die Geschichte ist über sie, die damals unausgereift waren und verfrüht, längst hinweggegangen. Aber ein Bemühen auch der europäischen Mittelmächte, die Wiener Gespräche aus der Sackgasse zu bringen, ist überfällig.

Und gewiß ist, daß eine Verständigung zwischen Deutschen und Polen ebenso nötig ist wie zwischen Deutschen und Franzosen, wenn Europa nicht der Gefangene seiner Vergangenheit bleiben will. E. N.