Saarbrücken

Am Donnerstagvormittag, pünktlich elf Uhr, eröffnete der saarländische Kultusminister und CDU-Landesvorsitzende Werner Scherer die Aktionstage "Jugend und Kunst" in seinem Haus. Niemand wußte, daß er kurz zuvor, um zehn Uhr, Ministerpräsident Dr. Franz Josef Röder seinen Entschluß zum Rücktritt mitgeteilt hatte. Röder versuchte Scherer umzustimmen; er hätte einige Monate Arbeitspause dem Abgang vorgezogen. Am Freitagmorgen aber stand nach einem weiteren Gespräch Scherers mit den Ärzten fest: Der 49jährige designierte Röder-Nachfolger zieht sich aus seinen beiden Ämtern zurück und behält nur noch sein Landtagsmandat. Nach zwei Herzinfarkten und angesichts der Gefahr eines dritten entschied sich Scherer gegen die Karriere und für die Gesundheit.

Die Partei äußerte Betroffenheit und Bedauern über den Rücktritt des angesehenen Politikers. In ersten Stellungnahmen klang aber auch Verständnis an für den Entschluß Scherers, der immer wieder Tiefschlägen aus eigenen Reihen und Angriffen der SPD-Opposition stärker ausgesetzt war als jeder andere. "Enttäuschungen schlagen auf die Gesundheit", umschreiben Beobachter die Entwicklung behutsam. Aus Kreisen der SPD-Opposition hört man es drastischer: "Röder hat ihn fertiggemacht!"

Erst nach langem personalpolitischen Hickhack innerhalb der CDU, vielen Spekulationen und Indiskretionen wurde Werner Scherer als Ministerpräsidentenkandidat nominiert – nachdem er es selbst öffentlich gefordert hatte. Der widerstrebende Röder gab nach, und die Absichtserklärung, daß Röder in dieser Legislaturperiode aus seinem Amt ausscheide, fand Eingang in die Koalitionsvereinbarungen mit der FDP. Freilich nicht mit exaktem Termin. Vagen Ankündigungen von Seiten Röders zum Trotz erkundigte sich deshalb vor zwei Wochen Junge-Union-Chef Gerhard Meyer nach dem Datum.

Mit seiner Forderung nach mehr Solidarität für Scherer hatte Meyer eine der wenigen Andeutungen auf personalpolitische Querelen gemacht, die öffentlich zu hören waren. Scherers Image in der Partei war angekratzt, seit ihm die Basis mangelnde Härte und Führungsschwäche zum Vorwurf machte. Auch beim Buhlen um den Koalitionspartner FDP hatte er Federn lassen müssen.

Da war zum Beispiel das Reformwerk des Kultusministers Scherer, die Orientierungsstufe, endlich soweit vorbereitet, daß sie an den Schulen eingeführt werden konnte – aber die FDP widersetzte sich, und mir nichts dir nichts war die Sache, bis dahin saarländisches Dauerthema, vom Tisch. Das Wahlversprechen "Lernmittelfreiheit" fiel dem Sparhaushalt zum Opfer. Und als ein Untersuchungsausschuß des Landtages in puncto Nebentätigkeiten der Professoren am Homburger Landeskrankenhaus Versäumnisse aufdeckte, machte die SPD-Opposition ebenfalls allein Scherer zur Zielscheibe ihrer Kritik und schließlich eines Mißtrauensantrages, obwohl der gleiche Vorwurf auch andere Ministerien und Scherers Vorgänger im Amt des Kultusministers, den heutigen Regierungschef, betraf. Auch Scherers Vorschläge zu Lehrerbildungsgesetzen und besonders die geplante Auflösung der pädagogischen Hochschule sind seit Monaten heftig umstritten.

Unbestreitbare Verdienste hat der Minister auf dem Gebiet der beruflichen Bildung im Saarland. Zwanzig Prozent der Jugendlichen belegen das Berufsbildungsjahr, und die Einrichtung der Berufsbildungszentren gilt als beispielhaft. Auf Parteibundesebene und in der Kultusministerkonferenz hat Scherer, der frühere Wirtschaftsjournalist, der seit 1955 dem Saar-Landtag angehört und seit 1965 Kultusminister ist, einen guten Ruf als Mann des Ausgleichs.

Die Spekulation um seine Nachfolge begann sofort. Groß ist die Auswahl an profilierten Landespolitikern nicht. Mehr Kopfzerbrechen als das Amt des Kultusministers bereitet der Partei die Besetzung der Position des Landesvorsitzenden, der in SPD-Chef Oskar Lafontaine, Saarbrückens jungem Oberbürgermeister, einen starken Gegner hat. Bis jetzt steht die Koalition noch geschlossen da, auch in der Zurückweisung der Vorwürfe von Seiten des SPD-Fraktionschefs Friedel Läpple. Der sprach von einem "mörderischen parteiinternen Zermürbungsprozeß", der Scherer menschlich und politisch zum jetzigen Tiefpunkt geführt, habe. Christel Szymanski