Von Horst-Dieter Kreidler

Schlechte Erfahrungen mit überfüllten Schulklassen, autoritären Lehrern, mangelhafter Raumausstattung machen erboste Eltern zwischen Kiel und Konstanz Tag für Tag. Leistungsdruck, Konkurrenzverhalten, Inhumanität – in den Medien wird darüber regelmäßig Klage geführt, der Negativkatalog der Warnsignale ist jedermann bekannt. Spärlicher sind Berichte über Erfahrungen, die – umgekehrt – die Schule mit den Eltern macht. Hier seien einige Erfahrungen aus dem Alltag einer Grund- und Hauptschule wiedergegeben, einer "Elternschule" übrigens, wie es sie auf Grund der Landesverfassung und des Schulgesetzes in freier Trägerschaft durch die Eltern da und dort in Baden-Württemberg gibt.

Da bitten zum Beispiel die Elternvertreter einer zweiten Klasse am Ende der Sommerferien um eine Aussprache. Grund: Der für die Klasse drei vorgesehene neue Klassenlehrer biete nicht die Gewähr, ihre Kinder zielstrebig zu unterrichten; große Besorgnis herrsche schon jetzt darüber, ob ein Lehrer, von dem bekanntgeworden sei, daß er mit seinen Kindern im Unterricht zur Gitarrenbegleitung auch singe, Waldspaziergänge mache und lange Lederhosen trage, später in Klasse vier auch systematisch auf die Probearbeiten fürs Gymnasium vorbereiten werde.

In der Elternversammlung einer ersten Klasse regt der Leiter des Trägervereins unter den Vätern und Müttern an, den ominösen Notenstempel bei den Erstkläßlern abzuschaffen und durch Angabe des Fehler- beziehungsweise Notendurchschnitts zu ersetzen; auch die Klassenlehrerin begründet den Nutzen der Abschaffung. Resultat der Abstimmung: 25:5 für den Notenstempel. Als der Vorschlag, erweitert und bezogen auf die Abschlußzeugnisse für die Klassen eins und zwei, auf der Tagesordnung der Mitgliederversammlung aller (380) Eltern des Trägervereins auftaucht, ergibt die leidenschaftliche Aussprache ebenfalls ein deutliches Votum für den Notenstempel, für die Zeugnisse. Eine Problem-Diskussion ist zwecklos. Eltern wollen sich den Genuß des oberen Tabellendrittels ihrer Sprößlinge nicht durch Humanitätsduselei einiger pädagogischer Außenseiter vermiesen lassen; diejenigen Eltern, deren Kinder am Tabellenende rangieren, schweigen verschämt oder vermögen ihren Groll gar nicht zu artikulieren.

Erfahrungen aus Elternversammlungen zeigen: Eltern freuen sich zwar, wenn die Klassenlehrerin nett und lieb ist, sich den Jungen und Mädchen auch emotional zuwendet, verbinden aber Argwohn damit. Sie fragen dann, ob denn die Klasse im nächsten Schuljahr nicht doch einen etwas älteren Lehrer bekommen könne, der mit den Kindern "richtig lerne" und mitunter auch "hart durchfahre".

Ersucht man sie, bei einer "Fünf" in Mathematik oder einer "Vier" in der Englischarbeit nicht gleich ein Donnerwetter auf den ohnehin enttäuschten, vielleicht gar verzweifelten Jungen niedergehen zu lassen, ihn durch Hinweis auf seine Leistungen in anderen Fächern zu bestärken, vielleicht sogar die früher selbst geschriebene Mathematik-Fünf einzugestehen, reagieren viele Eltern fassungslos.

Es ist oft schwer, Eltern davon zu überzeugen, daß Gespräche mit Kindern wichtig, Möglichkeiten zur gemeinsamen Aussprache über Sachverhalte und Situationen notwendig sind, daß Kinder nach der Schule beim Mittagessen erzählen müssen, daß sie abends zum Berichten aufgefordert werden sollen, daß auf Ruhe bei Tisch und in der guten Stube bedachte Eltern die schlechten Noten ihrer Kinder im deutschen Aufsatz selbst verschuldet haben. Fehlerfrei geschriebene Diktate sind für viele Eltern das Gütesiegel für gute Leistungen im Fach Deutsch. Daß es um differenziertere Befähigungen in der Muttersprache geht, haben sie selbst nie erfahren.