Wir sind hier nicht in Stuttgart oder Berlin, wir können hier nicht freischwebend arbeiten. Kunst darf nicht ein Synonym für Unordnung sein."

Der so redet, ist Generalintendant an einem deutschen Provinztheater. Claus H. Henneberg, Theaterleiter in Kiel, unternimmt derzeit den Versuch, den Gegenbeweis zu führen: daß Ordnung ein Synonym ist für Kunst.

Erster Akt: der Intendant entläßt fristlos einen Schauspieler, der sich im Konversationszimmer des Theaters unflätig über den ermordeten Hanns-Martin Schleyer geäußert hatte. Eine empörte Kollegin hatte den Vorfall herumerzählt, die Techniker drohten mit Streik, falls der Schauspieler weiter auftreten würde, der Intendant parierte vor der allgemeinen Entrüstung. Die Frage, ob privat geäußerte Sätze, Probengerede und Kantinengeschwätz (wie barbarisch auch immer) Anlaß zu einer fristlosen Kündigung sein kann, stellte sich der Intendant nicht. Wie muß es um ein Theater bestellt sein, an dem Kollegen ihren Streit nicht offen untereinander austragen, sondern den Weg der Denunziation gehen. Weit ist es von da nicht mehr zum total kontrollierten Theater; wo alle Proben- und Privatgespräche auf Band mitgeschnitten werden, damit: auch ja keine staatsfeindliche Äußerung unbekannt bleibt. Der Intendant eines solchen überwachten Theaters wäre dann freilich weniger künstlerischer Leiter als Polizeichef seines Hauses.

Zweiter Akt: der Intendant erläßt "Richtlinien zum Dienstvertrag zwischen den Bühnen der Landeshauptstadt Kiel und dem Schauspieldirektor" (Stephan Stroux). Überreicht wurden die Richtlinien mit der Androhung fristloser Kündigung für den Fall der Insubordination. Gleichzeitig aber (ein seltsames Spiel) erklärte Henneberg schriftlich, die "Richtlinien" seien gar nicht für die Gegenwart gedacht, sondern erst "für die Zukunft anzustreben". Und am vergangenen Freitag sagte er sogar, sein "Beamtenpapier" sei so ernst auch wieder nicht gemeint, Änderungen seien jederzeit möglich. Die "Richtlinien", (mit denen verglichen die Allgemeinen Geschäftsbedingungen einer Bank oder einer Krankenkasse die reine Belletristik sind) unternehmen den tragikomischen Versuch, eine Schauspielbühne nach den Gesetzen eines Beamtenstaates zu regeln: noch für die winzigste Initiative muß das Schauspiel den Generalintendanten um schriftliche Genehmigung bitten, noch der winzigste Rest von Improvisation und Inspiration wird per Verordnung ausgerottet.

Dritter Akt: die fristlose Kündigung von Stroux, dem Henneberg eine "Dispositionskatastrophe" anlastet. Liest man freilich die Dokumente, hört man die Zeugenaussagen der Betroffenen, wird wenigstens zweierlei klar: daß nahezu alle Vorwürfe Lappalien betreffen, wie sie an jedem Theater passieren; daß zweitens auch der Generalintendant nicht gerade ein Dispositionsgenie sein kann. Die Chance, vernünftig miteinander zu verhandeln, wurde vertan, jetzt streitet man sich vor Gericht. Stroux wird gegen seine Kündigung klagen.

Offensichtlich geht es bei dem ganzen Getöse nur im Vordergrund um organisatorische Querelen. Beendigt werden soll eine Theaterarbeit, die unter den Schauspieldirektoren Dieter Reible und Stephan Stroux den ehrgeizigen Versuch unternahm, nicht den üblichen Provinzpluralismus zu bieten, sondern zeitgenössisches Theater zu machen. Ein Versuch, den die meisten Augenzeugen positiv bewerten. "Höchst lebendiges, interessantes Theater" bescheinigen die "Kieler Nachrichten" dem Schauspielhaus, und selbst der Generalintendant mag über seinen Schauspieldirektor eigentlich nur Freundliches sagen. Leider seien solche begabten Leute wie Stroux am Schiller-Theater doch wohl besser aufgehoben als in Kiel.

Ein Machtkampf und ein Kampf ums Überleben. Wie lange er dauern, wie er enden wird, ist ungewiß. Inzwischen haben viele von Stroux’ Mitarbeitern ihre Kündigung angeboten. Dem Kieler Schauspiel droht der Zusammenbruch. Für Notfälle ist an ein Sonderprogramm gedacht: Intendant und Kulturreferent lesen mit verteilten Rollen aus den "Richtlinien". Dann hätte das Kieler Theater, was sich die Abonnenten doch so dringend wünschen: einen heiteren Abend.

Benjamin Henrichs