Von Konrad Wünsche

Auch berechtigte Hilferufe können langweilig werden: "Die Schule macht unsere Kinder krank und die Gesellschaft kaputt und beeinträchtigt die persönliche Freiheit von Kindern, Eltern und Lehrern und selektiert und diszipliniert und macht Angst und Schrecken!" Hilferufe und Anklagen. Und nun hören die, in deren Kopf die Elternvereinsproteste, Schülerdemonstrationen und Humane-Schule-Beschwörungen nachhallen, schon wieder neue Versprechungen:

"Wenn ein Kind zu uns kommt und die Augen ständig zu Boden gesenkt hält, weiß ich, daß seine Wirbelsäule sich krümmt, und ich weiß sehr wohl, daß es nicht der Sportunterricht ist, der sie wieder aufrichten wird. Nach einem Monat gelingt es ihm, mir in die Augen zu schauen. Ich habe ein Kind aufgerichtet, und es ist nun fähig, sich zu erheben."

Das kommt einem bekannt vor, das könnte von Alexander S. Neill sein. Doch weiter: "Der freie Ausdruck führt zur Freiheit des Ausdrucks von Kindern, die verantworten, was sie sagen. Wir bescheiden uns nicht damit, das zu sagen, wir wenden das an. Die Schüler arbeiten mit der Gruppe, womit das Problem der Arbeitsdisziplin gelöst ist. Die Gruppe organisiert sich selbst mit dem Blick auf das Gelingen der Arbeit."

Das ist nicht mehr die Sprache der Antiautoritären Bewegung. Der französische-Pädagoge Berteloot, von dem diese Sätze stammen, gehört in die Nachfolge von Celestin Freinet, eines "Neill mit realistischer Perspektive".

Freinet begann in den zwanziger Jahren, ein reformerischer Dorfschullehrer in den französischen Seealpen, ein Einzelgänger wie Neill. Aber er blieb es nicht, denn sein Konzept verpflichtete ihn zur Zusammenarbeit. So wurde aus seinem Kreis interessierter Kollegen noch zu Freinets Lebzeiten, er starb 1966, eine beträchtliche, Schulalltag praktizierende Nachfolgeorganisation: Einzelgruppen, Kooperativen, die miteinander korrespondierten, Zeitschriften machten, Treffen veranstalteten, Institute zur Erforschung von Unterrichtsbedingungen und zur Herstellung von Unterrichtsmaterialien betrieben. Heute gibt es 97 lokale Zusammenschlüsse von insgesamt über 20 000 französischen Freinet-Lehrern. Und auch

schon etliche in der Bundesrepublik, ebenfalls mit Kooperativen, Jahrestreffen, Informationsaustausch.