Wahrscheinlich wäre der Wettbewerb um die neue Gestaltung des Hamburger Rathausmarktes eine lokale Angelegenheit geblieben, wenn nicht zweierlei aufgefallen wäre. Erstens ist dieses große Rechteck vor dem imposanten Rathaus und seine winkelförmige Ergänzung durch das strenggefaßte Flußbecken der Kleinen Alster wohl der letzte großstädtische Platz in Mitteleuropa, der weder vollendet noch verkorkst ist und dem Autoverkehr wieder entwunden werden kann. Zweitens aber eröffnen die zum Teil geradezu irrwitzigen Ergebnisse dieser architektonischen Bemühungen einen ziemlich deprimierenden Blick auf die Durchschnittsqualität deutscher Baumeister.

Etwa 270 Architekten aus dem Bundesgebiet hatten sich für die reizvolle, mehr phantasievolle Zurückhaltung als sprudelnde Phantasie erfordernde Aufgabe interessiert; 112 reichten schließlich Entwürfe ein, aber nur zwanzig konnten überhaupt ernst genommen werden. Die Beklemmungen, die das Preisgericht unter dem Vorsitz des hannoverschen Stadtplaners Rudolf Hillebrecht offenbar empfunden hat, entluden sich schließlich in einer fast ängstlichen Vorsicht: Es einigte sich auf einen Vorschlag, der dem Platz möglichst wenig nimmt und ihm auch nicht viel Neues auflädt, und blieb dabei: Alle fünf mit Preisen ausgezeichneten und die drei angekauften Entwürfe ähneln einander in ihrer teils asketischen, teils einfallsärmlichen Zurückhaltung. Schade, daß das brave Einerlei des Prämierten mit nur einem mutigen Einfall (der Stuttgarter Architekten Heinle, Wischer und Partner und des Bildhauers Heinz Mack) belebt wurde.

"Die Aufgabe war, weiß Gott, nicht leicht", sagte Rudolf Hillebrecht. Sie war es natürlich noch nie, seit der Hamburger Architekt Alexis de Chateauneuf im August 1842 den genialen Einfall dieses L-förmigen Platzes gehabt hatte. Das war schon wenige Monate, nachdem das mittelalterliche Hamburg durch den "großen Brand" vernichtet worden war und die sofort gegründete "Technische Commission für den Wiederaufbau" sich nicht nur um einen modernen Stadtplan und eine neuzeitliche Versorgungstechnik kümmerte, sondern gleich auch nach einem repräsentativen Platz für ein neues großes Rathaus suchte. Auf den Baumeister Gottfried Semper, der damals laut von Hamburg als einem nordischen Venedig geträumt hatte, geht dabei die "venezianisch-republikanische Assoziation" zurück. Zwar fand das die Kommission von Anfang an "gelinde gesagt sehr bedenklich"; doch sie konnte das seither immer wieder empfundene Bedürfnis, den Rathausmarkt in Hamburg mit dem Markusplatz und seiner Piazzetta in Venedig zu vergleichen, nicht verhindern.

Zur Zeit ist der durch Bauwerke halb geschlossene, halb offene, dem Verkehr überlassene Rathausmarkt abseits vom Einkaufsbetrieb der City weder Markt noch Treffpunkt, sondern ungemütlich, laut und langweilig. Man spürt die Verlegenheit der Planer im bisherigen Umgang mit diesem repräsentativen Platz, der ein bißchen "neben der Stadt" liegt, und nun merkt man die ähnliche Verlegenheit bei den Wettbewerbern.

Aufgerufen, den Platz vorsichtig zu verbessern, ihn deutlicher zu fassen und geschickter zu gliedern, seine Sichtbeziehungen zu nutzen, aber seinen, Charakter zu respektieren, verliefen sich. Kaum aufzuzählen, was da alles zur Aufmöbelung dieses Gevierts empfohlen wird: Pflasterdekors jedweder Art, Kreise, Rechtecke und Rhomben, Mäander, Schachbrett- und Halmamuster und der Stern vom Kapitolsplatz in Rom; es gibt mehrere Versuche, dem Hamburger Rechteck den Platz von Siena zu oktroyieren und den von Venedig. Man sieht Idyllen, Teiche zum Beispiel, Pflanzen- und Sitzhügel oder Rasenflecken mit Rhododendron-Hecken. Unter Faltdächern, Bonbonnieren und Glashäusern befinden sich Cafés, Pizzerias, die Kurparkmusik und Palmen, Hansekoggen oder Alligatoren, Zeitungen und Obst. Man sieht Tempel und Tore, Leuchtschranken und Raubtiergänge. Einer wünscht sich Kopien von Rodins Bürgern von Calais oder Michelangelos David, ein anderer verpackt die Mönckebergstraße in eine monumentale Passage und schließt sie nach Art des Ostberliner Palastes der Republik monumental ab.

Dieses Übermaß an Kitsch und Formalismus, das die Suche nach der modernen Gestalt eines alten Platzes abgeworfen hat, überlagerte am Ende die wenigen, das Gewöhnliche mit mutigen Einfällen überragenden Entwürfe, so daß die Jury am Ende nur noch wahrnahm, was den Platz möglichst in Ruhe läßt. Sie hatte dabei am ehesten Glück mit dem ersten Preis, einem Entwurf der Hamburger FNO-Planergruppe (Feldsien, Nickels, Ohrt und einige Mitarbeiter). Sie senkt den größten Teil des Platzes um ein paar Stufen ab, markiert und versteckt den Verkehr unter Baumreihen, läßt Platz für die Rathaus-Vorfahrt, betont und überspielt gleichzeitig die Mündungen der zwei wichtigsten Geschäftsstraßen. Zweifel wecken eine reichlich einfältige Arkadenreihe (für Café, Kioske, Bushaltestellen) und die modische, an dieser Stelle falsche Terrassierung der Kaimauer an der Kleinen Alster.

Unter Herrenschneidern würde man den Sieger-Entwurf so kennzeichnen können: Grauer Flanell; sorgfältiger, der Tradition verpflichteter Schnitt, modisch leicht erweitertes Beinkleid; es wird erwartet, daß der Pfiff durch Beifügungen erzeugt wird, durch bunte Krawatten zum Beispiel. Damit ist gemeint, was unter "Nutzungsvielfalt" verstanden und erhofft wird. Sie soll möglichst alles einschließen, Staatsbesuch und Wochenmarkt, Demonstration und Gammelei, und soll obendrein "einfach Spaß an dieser Stadt und ihrem Zentrum" machen, wie es Professor Hillebrecht sagte. Schön wär’s.

Manfred Sack