Von Fritz Brühl

Es war Hitler nicht viel geholfen, daß er die Neue Zürcher Zeitung und andere ausländische Blätter von Rang im Krieg nicht mehr über die Reichsgrenze ließ. Die Deutschen griffen sich, wenn sie über die Weltereignisse einigermaßen verläßlich informiert sein wollten, die ihnen vorenthaltenen Nachrichten aus der Luft. Bei BBC London wurden sie dabei nicht schlecht bedient; den Briten waren ja nicht nur Blut, Schweiß und Tränen, sondern auch eine recht zutreffende Kriegsberichterstattung durch ihren Rundfunk versprochen worden.

Freilich fand schon lange vor 1939 der Krieg im Äther statt. Moskau hatte beispielsweise die Revolutionsfeierlichkeiten im November 1929 als Auftakt dafür genutzt, die kommunistischen Verheißungen in deutscher Sprache Tag für Tag. in ganz Mitteleuropa zu predigen. Von 1933 bis 1939 gaben sich die sowjetischen Sender sogar offiziell als "Tribüne des deutschen Antifaschismus" aus; die Mikrophone standen den deutschen Hitler-Gegnern offen. Im Krieg bestand dann die Kunst der militanten Information aller Staaten darin, im Lande des Gegners den Nerv des einfachen Mannes zu treffen – durch eine Sprache, die erkennen ließ, wie genau man über seine seelischen Nöte, die Stammtischgespräche, die Pannen in der Rüstungsindustrie und den Zerstörungsgrad der Großstädte im Bilde war.

Bis heute herrscht noch vielfach die Vorstellung, daß die Nazis Spitzenleistungen im technischen wie im psychologischen Rundfunkkrieg vollbracht haben. Jetzt will ein Buch, entstanden aus einer Materialfülle ohnegleichen, darüber aufklären, daß Deutschland "nahezu unvorbereitet in den Ätherkrieg gegangen" sei:

Willi A. Boelcke: "Die Macht des Radios. Weltpolitik und Auslandsrundfunk 1924 bis 1976"; Verlag Ullstein, Berlin 1977; 703 S., 98,– DM.

Diese Behauptung muß allerdings mit Vorbehalt hingenommen werden. Denn sie stammt aus dem Auswärtigen Amt des Dritten Reiches und berührt damit den Kompetenzstreit zwischen Ribbentrop und Goebbels: Beide beanspruchten die Führung in der publizistischen "Bearbeitung" des Auslands.

Nach Ansicht von Experten haben Luftwaffe und Marine, zu Kriegsbeginn jedoch so viel an hochfrequenztechnischem Präzisionsgerät beansprucht, daß der Rundfunk, sich damit begnügen mußte, auf dem Leistungsstand des Anfangs der dreißiger Jahre zu verharren.