Die Weltrezession bringt es an den Tag: British Steel ist hoffnungslos veraltet

Die Abgeordneten wollten erfahren, wie die British Steel Corporation (BSC) den Marsch in immer größere Verluste aufzuhalten gedenkt. Aber beim Vorsitzenden Sir Charles Villiers bissen sie auf Stahl. Mit keiner Silbe wollte er vor dem Unterausschuß für staatliche Industrien enthüllen, in welchem Stadium sich die Diskussionen mit Regierung und Gewerkschaften befinden oder Details der verschiedenen Optionen preisgeben. Nur die Drohung, in den Tower geworfen zu werden, so Sir Charles, könne ihn zum Sprechen bringen. Die Einladung des Ausschuß-Vorsitzenden, unter Ausschluß der Öffentlichkeit hinter verschlossenen Türen etwas offener zu werden, wies der Stahl-Baron ebenso höflich wie entschieden zurück.

Die Weigerung von Sir Charles, die Probleme von British Steel im einzelnen auf offenem Markt zu erörtern, könnte vermuten lassen, die Verhandlungen befänden sich in einer delikaten Phase und er befürchte, daß Enthüllungen zur unrechten Zeit die notwendige Kooperation mit den Gewerkschaften gefährden würden. Aber einige Beobachter glauben nicht, daß die Dinge schon so weit fortgeschritten sind, zumal der Hauptsprecher der Gewerkschaftsseite, Bill Sirs, gerade betont hat, die Gewerkschaften brauchten wenigstens drei Monate, um zu den verschiedenen Plänen des Managementes eine gemeinsame Haltung zu finden.

An der Spitze des größten europäischen Stahlkonzerns, der 200 000 Leute beschäftigt und eine Kapazität von 25 Millionen Jahrestonnen Stahl hat, stand bis vor einem Jahr ein Mann, der unbequemer war als Sir Charles: Sir Monty Finniston. Ein schottischer Metallurge und Manager, ein Aufsteiger aus kleinbürgerlichem Hause, der das direkte, offene Wort liebte, das gelegentlich so offen war, daß die Regierung im letzten Jahr seinen Vertrag nicht verlängerte.

Dagegen ist der mit 65 Jahren gleichaltrige Sir Charles Villiers eine Figur des englischen Establishments. In Eton und Oxford erzogen; mit einer Karriere in der Armee und in der City hinter sich, ein Freund der Oper und so esoterischer Liebhabereien wie Wanderungen im Himalaya, bevorzugt er eine Stahldiplomatie hinter den Kulissen und vermeidet die Konfrontation mit der Labour-Regierung und den Gewerkschaften, ohne deren Placet das Management von British Steel nichts erreichen kann.

Seit der Bankier die Führung des Stahlkonzerns vor einem Jahr übernommen hat, haben sich die Schwierigkeiten von British Steel dramatisch verschärft. Nach einem Verlust vor Steuern von 246 Millionen Pfund 1975/76 und einer "Erholung" des Defizits auf 83 Millionen Pfund ein Jahr später produzierte British Steel für das Halbjahr bis zum 1. Oktober einen Verlust von nicht weniger als 201 Millionen Pfund und sieht keinen Grund, Voraussagen abzuschwächen, nach denen das laufende Geschäftsjahr mit einem Minus von 500 Millionen Pfund abschließen wird. Der Konzern verliert an jeder Tonne Stahl etwa 30 Pfund oder 1000 Pfund pro Minute und liegt mit seinem hohen Kreditbedarf schwer auf der Kasse des Staates. Ohne diesen finanziellen Rückhalt wäre das Unternehmen längst pleite.

British Steel kann sich darauf berufen, daß die Stahlkrise weltweit ist. Die Schwäche der Weltkonjunktur und der Aufbau von Kapazitäten in Entwicklungsländern drückten auf die Auslastung der Werke und verschärften den Wettbewerb um die Kunden. Auch in Großbritannien werden in einen stagnierenden Stahlmarkt immer mehr Einfuhren hineingedrückt, so daß die Forderung nach Ausschluß der Importe wächst. Bob Scholey, Chief Executive von British Steel, bekannte jetzt, daß er im laufenden Jahr 23 Millionen Tonnen Stahl verkaufen müsse, um das Geschäftsergebnis auch nur auszugleichen. Doch Marktbeobachter erwarten höchstens einen Absatz von 18 Millionen Tonnen.