Von Hans J. Aubert

Nahezu unerträgliche Schwüle lastet über Manaus. Im Gewirr der kleinen Boote suchen wir die "Cidade de Borba", die uns auf dem Rio Madeira 1500 km stromauf bringen soll. Unser Ziel ist Porto Velho, nahe der bolivianischen Grenze. Auf schwankenden, glitschigen Bohlen drängen wir uns durch das Gewimmel von Fahrgästen, fliegenden Händlern und Lastträgern. Der unverwechselbare Geruch der Amazonashäfen liegt über der Szenerie, eine Mischung aus Dieselöl, Fisch, verfaulten Abfällen und Bratfett.

Die Abfahrt ist um 18 Uhr, aber schon vier Stunden vorher klettern wir über die schmale, federnde Planke an Bord, um uns den besten Platz auf dem Oberdeck zu sichern. Wir zurren unsere Hängematten hinter dem Steuerhaus fest, einem luftigen, aber doch windgeschützten Platz mit einem schönen Blick über den Strom und das Treiben im Hafen. Allmählich füllt sich das Deck; bald schaukeln zwanzig weitere Hängematten neben den unseren, Gepäckstücke stapeln sich am Boden und entlang der Reling, aus Transistorradios plärrt amerikanische Musik.

Der Fluß glänzt noch in den Pastelltönen des Abendlichts, als das Brummen des Diesels einsetzt. Die Leinen klatschen ins ölige Wasser, knarrend und ächzend befreit sich unser Schiff aus der Umklammerung der benachbarten Boote. Die Passagiere stehen schwatzend an der Reling. Schnell, wie in den Tropen üblich, bricht die Nacht herein. Eine Weile noch begleitet uns die Lichterkette von Manaus, dann nimmt uns die Dunkelheit des Rio Negro auf.

Um acht Uhr abends sind wir am lehmig gelben Solimoes, der hier mit dem Rio Negro zum Amazonas verschmilzt. Der Wind nimmt zu, Blitze zucken, die ersten Tropfen trommeln auf das Blechdach, dann bricht das Unwetter los. Regenböen fegen über Deck – wie gefangene Schmetterlinge flattern die Hängematten im Schein der trüben Glühbirne. Zum Schlafen kommen wir kaum; alles ist ungewohnt, das Schreien der Babys, das Pochen des Motors, das Rauschen des Regens. Übermüdet scharen wir uns in der Morgendämmerung um den kleinen Tisch inmitten des Hängemattenwaldes und schlürfen heißen Kaffee.

Die Landschaft liegt unter einer dichten Wolkendecke, wir sind bereits auf dem Rio Madeira. Lehmig träge zieht das Wasser an der Bordwand vorbei. Keinen Steinwurf entfernt der Wald. Es ist nicht jener Urwald, den wir erwartet haben und dem der Fluß seinen Namen verdankt. Die wertvollsten Bäume sind bereits herausgeschlagen, nur der Torso der ursprünglichen Vegetation ist geblieben. Die reiche Formenpracht und die unendlich vielen Schattierungen der Grüntöne zeugen aber immer noch vom Überfluß tropischer Flora.

Trotz seiner Breite ist der Rio Madeira nicht ohne Tücken.. Die Navigationskarte – ein handgezeichnetes Kunstwerk von 20 cm Breite und 12 in Länge zeigt jede Sandbank, jeden Felsen, jede Hütte. 10 Uhr morgens der erste Ort, Nova Olinda, eine Ansammlung bunter Bretterbuden um eine gedrungene Holzkirche, die ihre Frontseiten dem Fluß zukehren wie neugierige Zuschauer. Kaum ist das Boot im weichen Schlick zum Stehen gekommen, drängen kleine Jungen mit Kartons voller Brot und Getränke über die Laufplanke an Bord. Der Aufenthalt ist nur kurz, dann nimmt uns der Fluß wieder auf.