Das war ein merkwürdiges Dienstjubiläum im Frankfurter Polizeipräsidium. Da sollte nach 40 Beamtenjahren ein erfolgreicher Kriminalist mit obligatorischem Ritual, mit Vorgesetzten-Händeschütteln also, Urkunde und Blumenpräsent geehrt werden, aber das Unternehmen wäre um ein Haar aus einem seltsamen Grunde gescheitert: Die Chef-Gratulanten erklärten nämlich, sie seien erst dann bereit, das bescheidene Dienstzimmer des Hauptkommissars Emil Vollmuth (57) zu betreten, wenn der Pressephotograph, der dort wartete, um das Ereignis im Bild festzuhalten, das Zimmer verlassen habe. Entweder er oder wir, war die ultimative Forderung der Oberen.

Später ließ man dann zwar verlauten, man habe im Interesse des Jubilars, der allen Aufwand habe vermeiden wollen, das Licht der Öffentlichkeit gescheut. Damit waren aber nicht die Vermutungen aus der Welt geschafft, das gestörte und strapazierte Verhältnis zwischen dem Polizeibeamten und seiner Behörde sei die wahre Ursache dafür, daß die Vorgesetzten ein Photo für die Presse verweigerten. Der Jubilar hatte nämlich gerade – am Tage zuvor – ein Disziplinarverfahren überstanden.

Angaben zur Person machen das Groteske dieser Situation deutlich. Der Hauptkommissar Vollmuth, der jetzt zur Unperson geworden ist, galt und gilt in Fachkreisen als Spitzenklasse auf dem Gebiet der Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität. Sein Name wurde weit und breit bekannt, als der damalige Bundesinnenminister Genscher ihm versicherte, er könne morgen beim Bundeskriminalamt anfangen, wenn er sich heute bewerben würde. Aber da war er in Frankfurt noch unentbehrlich und der Polizeipräsident verweigerte die Freigabe.

Die Aufklärung des Geheimnisses, wie 40 Millionen Mark aus der Commerzbank betrügerisch hinaustransferiert werden konnten, geht vor allem auf Vollmuths Konto. Als Experte geschätzt und als Fachautor gefragt, brachte er in der Zeitschrift "Kriminalistik" seine einschlägigen Erfahrungen darüber zu Papier, wie nach wie vor in den Gefängnissen die Zeit vor allem dazu genutzt wird, alle Vorbereitungen für das nächste "Ding" zu treffen. Beweiskräftige Illustration waren drei Kassiber. Vollmuths Ziel war, die Aufmerksamkeit der hessischen Justiz auf diese unerwünschte Art der zwischenmenschlichen Kommunikation zur Vorbereitung neuer Verbrechen zu lenken.

Wer Vollmuth und die Verhältnisse kannte, hatte nicht die geringste Veranlassung, etwas absonderliches an diesem Vorgang zu sehen. Wie sollten auch Zweifel aufkommen, wo doch ein anderes Fachblatt so angetan war, daß es den Vollmuth-Artikel nachdruckte. Doch die Situation änderte sich schlagartig, als die CDU-Opposition im Wiesbadener Landtag eine Anfrage einbrachte und wissen wollte, wer es zu verantworten habe, daß Vollmuth in seinem Artikel "amtliche Schriftstücke aus einem Strafverfahren öffentlich mitgeteilt" habe.

Eine Überprüfung der in dem Artikel aufgedeckten Schwachstellen im hessischen Strafvollzug hatte Vollmuth zwar nicht erreicht, aber dafür hatte er nun ein Strafverfahren am Halse:

Die Frankfurter Staatsanwaltschaft hielt ihm die Kassiber-Veröffentlichung vor. "Amtliche Schriftstücke aus einem Strafverfahren", so wurden die Papiere klassifiziert. Parallel dazu kam ein Disziplinarverfahren in Gang.