Kultureller Dissens zwischen Kommunisten aus Ost und West

Von Hansjakob Stehle

Rom, Ende November

Ein düsteres Kino in Venedig, ein alter Spielfilm über den Slansky-Prozeß, jenes makabre Schautribunal, mit dem Stalin 1952 die Elite der tschechoslowakischen Kommunisten an den Galgen brachte. "Nichts als antisowjetische Propaganda", meint noch vor Beginn ein italienischer Kommunist, entschlossen, das "Machwerk zu entlarven". Doch dann wird im Rollstuhl ein Mann in den Saal gebracht, der jedes Wort, jede der Schreckensszenen mit seinem Zeugnis belegt. "Genau so war es", sagt Artur London, einst tschechoslowakischer Vizeaußenminister, der den Prozeß überlebt, doch von den Malen der Folter gezeichnet blieb.

Ein junger Mann springt auf, mit heiserer, erregter Stimme ruft er in den Saal: "Ich bin Kommunist, aber wie ist in einer solchen Welt des Wahnsinns Sozialismus möglich?" Auf dem bleichen, fast starren Gesicht Artur Londons erscheint ein Lächeln: "Mit Sozialismus hatte das alles nicht das geringste zu tun. Ich vertraue auf die Zukunft des Sozialismus."

Die Szene macht Hintergründe dessen sichtbar, was gegenwärtig unter dem Titel "Kultureller Dissens" als Biennale von Venedig im Gange ist. Ob es nun in Osteuropa an Freiheit fehlt, weil dort Sozialismus realisiert wurde oder weil im Gegenteil die Wirklichkeit hinter dem sozialistischen Ideal herhinkt, ja ihm widerspricht – darüber war schon vor der Biennale keine Einigung zu erzielen.

Was ist politisch?