"Der Traum der Helden", Roman von Adolfo Bioy Casares. Die Fabel könnte den Stoff für eine "Milor.ga" abgeben, für eine stimmungsvolle Tango-Ballade. Ein Mann, der Mechaniker Gauna, der bei einer Wette gewonnen hat, macht mit seiner Freundesclique im Buenos Aires der 20er Jahre eine Karnevalstour, die in der dritten Nacht in Erinnerungslosigkeit untergeht. Das dumpfe Gefühl des Protagonisten, irgendwie bei einer Messerstecherei umgekommen zu sein, kontrastiert mit dem bürgerlichen Leben, das er bald darauf, nach seiner Heirat, führt. Drei Jahre später gewinnt Gauna wiederum bei einer Wette, und er klappert mit seinen alten Kumpanen, die ihm plötzlich wie Verkörperungen verlorengegangener Gaucho-Freiheit erscheinen, die Kneipen von damals ab – mit dem Ergebnis, daß er jetzt tatsächlich erstochen wird. Der in seinen realistischen Partien hinreißend geschriebene und von Joachim A. Frank vorzüglich übertragene Roman bringt das klassische argentinische Begriffspaar Zivilisation – Barbarei episch zur Sprache. Die Gesamtwirkung des Buches wird jedoch dadurch verdorben, daß der längst geheimnislos gewordenen modernen Großstadt ein Air des Rätselhaften gegeben wird, das der Verfasser aus dem Trivialen hervorschimmern läßt: "Auf undeutliche Weise hatte er die Vermutung, daß er schon einmal an diesem Ort gewesen war... daß er diesen Augenblick schon einmal. erlebt hatte. Er wußte,...daß sich sein Schicksal nun erfüllte." Indem er seinen Roman zum gleichnishaften Bericht einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung macht, nähert sich Bioy Casares auffällig dem Denken seines Freundes und gelegentlichen Mitautors Jorge Luis Borges, der die Welt ebenfalls als ein perpetuum mobile ansieht, als eine gigantische Maschinerie, die in ewiger Wiederkehr Immergleiches produziert und die alles Leben nach stereotypen Mustern stanzt. (Aus dem Spanischen von Joachim A. Frank; Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1977; 256 S., 26,– DM)

Hans-Jürgen Heise

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"Ich warte auf Wunder", Roman von Thomas Theodor Heine. Der "Simplizissimus"-Zeichner Th. Th. Heine (1867 in Leipzig geboren, gestorben 1948 im schwedischen Exil) blickte 1941 in Stockholm auf seinen Weg "durchs dunkelste Deutschland" zurück. Seine Methode macht den Leser perplex: Ein großer alter Mann ohne jedes Talent zum Pathos zerschnipselt die eigene Biographie, als wöge sie nichts, und macht daraus eine geniale zeitkritische Collage. ("...keine Selbstbiographie und kein Schlüsselroman... Unsinn! Nie habe ich satirisch sein wollen!") Immerhin: Ludwig Thoma, Chefredakteur des "Simplizissimus" (hier: "Meteor"), wird als "Dr. Huber kenntlich, die "Simpl"-Zeichner v. Reznicek und Gulbransson werden listig zu einer Mischfigur "Bjarne Resniksen" verleimt, Wilhelm II. spukt als "Dynamissimus" umher, Hitler ("Ikarus" alias "Der Herzog") ist ein außerehelicher Sohn (!) des fiktiven autobiographischen Erzählers "Emmaus" (= Th. Th. Heine). Wichtiger aber als das stoffliche Was ist das stilistische Wie: Ein unerschöpfliches satirisches Feuerwerk vor der – unter dem Wechsel der Regimes gewonnenen – düsteren Erkenntnis: der ersehnte "Politikfreie" utopische Staat ("Deutschland A. G.") ist nicht möglich. Denn: "Der Normaldeutsche empfindet Freiheit als eine Art Unordnung." (Krüger Verlag, Frankfurt, 1977; 384 S., 28,80 DM.) Hanns-Hermann Karsten

"Schädelbruch", Gedichte von Gabbo Mateen. Der Wahl-Erlanger Mateen, 1946 im Frankenwalddorf Haßlach geboren, Deutschlehrer an einem Gymnasium, hat neue Gedichte verfaßt: lyrische Anmerkungen zwischen Bett und Bücherschrank, die er mit einigen herb-poetischen Bildern des Nürnberger Photodesigners Lajos Keresztes, einem gebürtigen Ungar, Photokina-Preisträger 1966, publiziert. Was sich so einfach in die Hosentasche von Lyrikfans stecken läßt, trägt den doppeldeutigen Intellektuellentitel "Schädelbruch". Gabbo Mateens drittes Buch enthält etwa 30 Lang- und Kurzgedichte: das kritische Tagebuch eines aufmerksamen Zeitgenossen. Mateen spielt mit Worten, verliert dabei aber die Wirklichkeit nicht aus den Augen. Seinen Lesern gesteht er: "Ich bin ein Känguruh / in diesen Zuständen / der Hilflosigkeit SÄTZE MACHEND / über ein allzu tröstliches Ende." Die Gedichte sind biographische Stenogramme, geschrieben von einem Schlitzohr mit Rilke-Herz. Mit Sprachwitz schlägt er sich durch die Widrigkeiten des Lebens; selbst auf eine zerbrechende Zweierbeziehung findet er noch einen Vers: "Manchmal saßen wir nebeneinander und / unsere Liebe ging in Höflichkeiten baden." In diesem Lyrikband eines Skeptikers entdeckt man auch Zeilen mit einem Hauch von Sinnlichkeit: "Mein Gedicht wird nicht das Brot sein / nicht das Messer / das Auge / vielleicht der Mund." (Verlag Bernd Schreiber, Saarbrücken, Türkenstraße 21, 1977; 52 S., 6,80 DM)

Werner Hornung

"Schulangst", von Horst Speichert. Viele Eltern reden seit einiger Zeit offen über Schwierigkeiten ihrer Kinder in der Schule. Inzwischen gibt es auch hierzu genug Literatur in unseren Buchhandlungen und Sendungen in Fernsehen und Rundfunk. Nun bietet Horst Speichert, Verfasser des noch immer empfehlenswerten Eltern-Handbuchs "Umgang mit der Schule" (Rowohlt, 1976), eine Art verspäteten Nachtrag, beinahe eine kommentierte Zitaten-Sammlung an: In vierzehn leicht lesbaren Kapiteln wiederholt er etwa seitenweise Schüler-Meinungen aus der ZEIT, berechtigte Kritik und hinlänglich bekannte Reformvorschläge – diesmal freilich unter dem werbeträchtigen Buchtitel "Schulangst". Dabei vernachlässigt Speichert einen wichtigen Aspekt, auf den Hartmut von Hentig 1975 hingewiesen hat: "Es läßt sich vermuten, daß einstweilen, wo immer die Angst der Kinder abnimmt, die Angst der Lehrer zunimmt. Es gibt heute Schulen, an denen streunende Lehrer – Lehrer, die sich nicht in ihre Klasse trauen – ein fast so großes Problem sind wie streunende Schüler. Neben der Angst vor den Kindern und möglichem Chaos haben sie heute zunehmend Angst vor den Eltern und vor der Kritik ihrer Kollegen." (Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek, 1977; 222 S., 5,80 DM) Werner Hornung