Wie das mit der Wissenschaft so geht: Häufig bestätigt sie nur, was man schon immer gewußt oder zumindest geahnt hat. Mit wissenschaftlichem Eifer haben Bonner Statistiker jetzt aufgedeckt, daß die Bürger der Bundeshauptstadt im Durchschnitt ein volles Jahr länger leben als alle, die außerhalb der politischen Kapitale ihr Dasein fristen.

Mit den geläufigen Urteilen und Vorurteilen über Bonn will das gar nicht übereinstimmen. Der politische Streß und das subtropische Sommerklima, so heißt es doch stets, machen die Bundeshauptstadt, neben anderen Unzuträglichkeiten, zu einem ziemlich unbewohnbaren Ort. Die Bonner, auch die Bundesbonner, haben darüber schon immer gegrient. Wohl wahr, daß im Sommer oft der Blutdruck sinkt. Aber das hat, außer der ansteckenden rheinischen Gewohnheit, nicht alles bitterernst zu nehmen, geradezu einen gesundheitsfördernden Effekt: Man lebt dann auf Sparflamme.

Und auch der politische Streß kommt keineswegs einem Selbstmord auf Raten gleich. Gewiß, die Prominenz muß sich schrecklich abrackern. Hans-Dietrich Genscher, dem gerade ein paar Wochen Zwangsruhe verordnet worden sind, ist dafür das jüngste Exempel. Doch daneben gibt es auch die Heerschar der Beamten. Ihre Spitzenleute ausgenommen, führen sie für gewöhnlich ein Leben, das man wohlgeordnet und auch im ganz existentiellen Sinne haushälterisch nennen darf.

Denn der bürokratische Alltag pflegt nach Stunden und Pensum sorgsam bemessen zu sein. Freitagmittag ist ohnehin Feierabend. Und ein ordentlicher Ministerialrat entzieht sich den möglichen physischen und finanziellen Belastungen der rheinischen Thekenkultur, weil es seine Kinder mit den Groschen, die er dadurch spart, noch weiter bringen sollen.

Beides, das meteorologisch bedingte Leben auf Sparflamme und das bürokratisch bedingte Leben in relativer Ruhe muß man addieren. Das Ergebnis ist sodann mit der Zahl des beamteten Bundestrosses zu multiplizieren. Er macht immerhin ein gutes Fünftel aller Bonner aus. Was Wunder, wenn das Endresultat statistisch auch bei der Lebenserwartung ins Gewicht fällt.

Gegen solche Beweisführungen und Rechnungen werden die Betroffenen natürlich protestieren. Aber das tun sie, Hand aufs durchaus nicht irifarktgefährdete Herz, nur im Interesse der Legende vom überall zuschlagenden Bonner Streß. Denn gerade diese Legende schützt ein Geheimnis, welches nun keines mehr ist: daß es sich in Bonn, im Durchschnitt, recht gut leben läßt. Und länger.

Carl-Christian Kaiser