Von Margrit Gerste

Bauer Palm denkt praktisch. Und gegen seine Philosophie ist nichts zu sagen: "Kleiner ist besser als größer, alt ist alt, und neu ist neu." Bauer Palm soll aber auch kulturhistorisch denken; so will es das Denkmalschutzamt der Behörde für Wissenschaft und Kunst der Freien und Hansestadt Hamburg, so will es das Gesetz. Denn sein Anwesen in Neuenfelde im Alten Land, gleich hinter dem Nincoper Elbdeich, ist zwar von innen eine "Bruchbude" – kalt, feucht, vermodert –, in der Oma Palm, als sie noch lebte, sich ihr Rheuma holte, von außen aber ist es ein Juwel. Es ist ein Paradestück bäuerlicher Baukunst aus dem späten 17. oder frühen 18. Jahrhundert.

Das alte Haus des Bauern Palm spiegelt die "altländische Marschenherrlichkeit" wider, den Reichtum der damaligen Bauern und deren Sinn für Kunst, und heute ziert es städtische Denkmalsbroschüren ("eine Zukunft für unsere Vergangenheit"). Ja, es ziert sogar die Altländer Schnapsflaschen, in denen köstlicher Selbstgebrannter Obstler verkauft wird. Nicht zu sehen sind auf solchen Vorzeigebildern die mächtigen Stützbalken, die den lädierten Giebel vor dem endgültigen Zusammenbrechen bewahren sollen. Und eben diese Stützbalken machen deutlich, daß das Paradestück zugleich ein Parade-Konfliktfall zwischen öffentlichen und privaten Interessen ist.

Hamburgs Kulturpfleger wollen Historisches konservieren – vor der gefräßigen Industrie, die jene 120 Kilometer von Hamburg bis hinauf zur Nordsee in ein Ruhrgebiet des Nordens zu verwandeln droht; zumindest kleine Inseln einer kunstsinnigen Vergangenheit wollen sie retten. Sie haben dazu zwar ein Denkmalschutzgesetz zur Hand – und das Palmsche Haus mit seiner Prunkpforte wurde 1943 noch schnell, als das benachbarte Hamburg nach britischen Bombenangriffen brannte, unter Denkmalschutz gestellt –, doch es fehlt ihnen jene runde Million, die die Restaurierung des Paradestücks heute wahrscheinlich kosten wird. Nach dem Grundsatz "Eigentum verpflichtet" heißt das für Bauer Palm: Leben in einem Denkmal.

Eben dies aber ist zunächst nur für die städtischen Ausflügler attraktiv, die zur Mai-Kirschblüte scharenweise ins Alte Land einfallen oder sich beim herbstlichen Sonntagsspaziergang die steife Elbbrise um die Nase wehen lassen: Staunend bleiben sie vor dem langgestreckten Bauernhaus mit seinem kunstvollen Schmuckgiebel und den Spitzengardinen vor den kleinen Fenstern stehen, machen ein Photo, das sie dann mit nach Hause nehmen in ihre zentralgeheizte, trockene Komfortwohnung.

Die Gardinen aber sind nur Dekor, denn Familie. Palm – Vater, Mutter und drei Kinder – ist längst umgezogen, nach nebenan ins "Altenteil", einen schlichten Backsteinbungalow mit großen Fenstern und moderner Küche – genau so, wie Frau Palm sich das wünscht. Im alten Haus entspricht nämlich nichts mehr den Bedürfnissen der Familie und den Erfordernissen des Betriebes.

"Was hab’ ich da gefroren!" sagt Helmut Palm, jüngster Sohn und angehender Landmaschinenschlosser. In seiner kleinen Schlafkammer wellen sich die Pappwände; "da kann man mit dem Finger Löcher reindrücken." Löcher sind in die Wände der ehemaligen "guten Stube" eingeritzt – um Mäuse zu fangen. Die Holzdielen hat Otto Palm schon im vorigen Jahr rausgerissen: "Wir dachten, nun geht’s los mit dem Renovieren, aber daraus wurde dann doch wieder nichts." Jetzt ist das morsche Fundament aus Holz zu sehen. "Bei Sturm wackelt das ganze Haus, da kriegt man es mit der Angst." Tatsächlich verrutschte der Giebel bei einem Novembersturm 1971 um zwei Zentimeter. Und die Wassermassen, die bei der großen Sturmflut 1962 die Deiche brachen, haben auch das Palmsche Haus nicht verschont.