Berlin, Ende November

ZK-Tagungen, die halbjährlichen Sitzungen des SED-Zentralkomitees, sind ein Spiegel der Wirklichkeit in der DDR. Nur hin und wieder bricht durch den Wortballast, was die Parteiführung wirklich beschäftigt. Bei der 7. ZK-Tagung vom letzten Wochenende waren es vor allem drei Themen, die den Rednern auf den Nägeln brannten:

Als erstes beschäftigte die wirtschaftliche Lage fast alle Funktionäre, denen das Wort erteilt wurde. Zuwachs an Effektivität, Leistungsgewinn, Vorlauf, Intensivierung, Exportaufgaben, höhere Anforderungen, bessere Auslastung, Sparsamkeit, Kooperation, Kaderausbildung, Parteikontrolle, Klassenpflicht – das sind die Stichworte, nach denen solche Reden abgeliefert werden. Die Mängelberichte, etwa über Lieferrückstände bei Möbeln, Teppichen, Gasherden, Radios oder Lampen oder über mangelnde Ersatzteilversorgung bei Lastwagen und Lokomotiven, ergänzen das Bild.

Zweite Sorge der Partei ist die politische "Massenarbeit". Da wird gefordert, aktuelle Ereignisse im Weltgeschehen schneller zu berücksichtigen. In der FDJ müsse es jedem Mitglied zum Bedürfnis werden, sich beim Kollektiv Antwort auf politische Fragen zu holen. Bei den Bürgern, so Politbüromitglied Kurt Hager, müsse das Verständnis der Dialektik der weiteren Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft und der internationalen Auseinandersetzung vertieft werden. Die Parteimitglieder müßten aktiv gegen die Verbreitung von Gerüchten und feindlichen Argumenten auftreten.

Drittes Thema, durchaus nicht nur am Rande, ist die Kunstpolitik. Die 8. Kunstausstellung der DDR in Dresden zeigte, daß den DDR-Malern der Ausbruch aus den Fesseln des sozialistischen Realismus endgültig gelungen ist. Das Echo der Betrachter blieb jedoch zwiespältig. Neben Zustimmung gab es auch Kritik an dem tristen und ungestalten Menschenbild, das manche Bilder prägte. Viele Besucher hatten sich so an die offizielle Parteimalerei der letzten Jahrzehnte gewöhnt, daß sie entartete Kunst zu sehen meinten. Unvermutet mußte die Partei den "Reichtum der individuellen Gestaltungsweisen" verteidigen und den verständnislosen kleinen Funktionären versichern, daß hier das kulturelle Leben bereichert werde. Joachim Nawrocki