München leuchtete" – der berühmte Satz, mit dem Thomas Manns frühe Novelle "Gladius Dei" (1902) beginnt, könnte präziser nicht sein. Es glänzte, glitzerte oder flimmerte nicht, sondern leuchtete. Will sagen: im München der Jahrhundertwende wurden grelle Farben gemildert durch hellblauen Himmel, spitze Töne durch weiche Luft, schwere Worte durch, leichte Laune. Die Lust am Aufbruch, die man in den Kreisen der Kunst, der Literatur, der Musik und der Architektur so fröhlich oder heftig oder ambitioniert erlebte, führte nicht zur Revolution, sondern wurde abgefangen durch die noch größere Lust am Leben und der Stilisierung. In dem von Manuel Gasser herausgegebenen Bändchen "München um 1900" (Hallwag Verlag, Bern, 1977; 140 S. mit 20 Farb- und 60 Schwarzweiß-Abb.; 19,– DM), das auf einem vergriffenen Heft der Zeitschrift "du" basiert, wird diese Stadt, die im Jahrzehnt zwischen 1895 und 1905 so sehr die "Stadt der Jugend" war, in ihrer humanen Exzentrik lebendig. Fern im Hintergrund porträtierte der Malerfürst Franz von Lenbach noch Potentaten, nah im Vordergrund kündigten sich Kandinskys Abstraktionen an, aber diese leuchtenden zehn Jahre, gehörten den Brüdern Mann, Frank Wedekind, Franziska Reventlow, René Maria Rilke, Eduard Keyserling, Alfred Kubin, Karl Wolfskehl, Ludwig Klages, August Endell, Hermann Obrist, Richard Riemerschmid, Richard Strauss. Und sie standen unter dem Motto von Roderich Huch: "Lerne blühen, ohne zu reifen". Ein Vierteljahrhundert nach "Gladius Dei" schrieb Thomas Mann in einem Aufsatz: "Gemüt und "mir san gsund!‘ – damit allein wird München seine Stellung in der Welt nicht halten oder nicht zurückgewinnen, auch als Kunststadt nicht." Nun ja.

Petra Kipphoff