Von Marion Gräfin Dönhoff

Wenn die Wahlen in Südafrika dem Ministerpräsidenten Vorster eine Dreiviertelmehrheit im Parlament bescheren sollten – woran nach den Umfragen kaum zu zweifeln ist –, so hätte er dies der Politik Amerikas zu danken.

"Wir werden der Welt zeigen, daß wir einig sind wie nie zuvor", hat Vorster im Wahlkampf gesagt und dann hinzugefügt: "Wir werden ihr zeigen, daß wir unsere Politik selbst bestimmen und Einmischung nicht dulden." Wie ein roter Faden zog sich die Empörung über die Vereinigten Staaten durch alle Reden: "Die Russen wollen uns durch Gewalt erledigen, während die Amerikaner sich bemühen, uns mit Raffinement zu erdrosseln." Selbst der besonnene, allen Reformen aufgeschlossene Colin Eglin, der die einzig wichtige Oppositionspartei, die Progressive Federal Party, führt, nannte die Politik der Vereinigten Staaten appalling – schrecklich. Warum, was war geschehen?

Als Vorster im Mai mit dem amerikanischen Vizepräsidenten in Wien verhandelte, spielte sich dies nach Vorsters eigener Beschreibung folgendermaßen ab: "Mr. Mondale", so sagte der südafrikanische Ministerpräsident, "erklärte mir, daß die Vereinigten Staaten nur eins von uns wollten: die volle politische Mitbestimmung aller, ohne Ansehen der Farbe. Ich antwortete, daß eben dies die Politik meiner Regierung ist." Vorster hat bei dieser Behauptung vermutlich an seine homeland policy gedacht, die er "Selbstregierung" nennt, und an die neue Verfassung, die den Mischlingen und den Asiaten Stimmrecht geben soll. – "Nach unserer Unterredung", fuhr der Ministerpräsident fort, "ging Mondale zu seiner Pressekonferenz und sagte, jeder Bürger solle das Stimmrecht erhalten und alle Stimmen müßten das gleiche Gewicht haben – mit anderen Worten, Amerika verlangt black majority rule."

In dieser Sekunde lag plötzlich die tödliche Zauberformel one man, one vote auf dem Tisch – jene Formel, die seit Jahrzehnten als Schreckgespenst nächtens durch die Träume der Südafrikaner geistert und am Tage all ihr Denken und Tun bestimmt. Um sie zu bannen, hatten sie die Apartheid erfunden, zu deren Garantie seit 1948, also seit die National Party regiert, etwa 200 Rassengesetze erlassen worden sind.

Es ist ein Drama, was sich da vor aller Augen in Südafrika abzuwickeln beginnt. Und wie bei jedem echten Drama schürzt sich der Knoten mit einem Mißverständnis: Der Amerikaner aus dem mittleren Westen, an derart komplexe Probleme nicht gewöhnt, glaubte, mit simplen Formeln der Sache zu Leibe rücken zu können. Aber gegen das geschichtlich Gewachsene ist damit nicht viel auszurichten. Zwar hofft man im Westen, durch den schrittweisen Abbau der Apartheid werde es in Südafrika allmählich zu einer multiracial society kommen. Vorster aber findet im Gegenteil, daß nur durch schrittweise Verschärfung der bestehenden Gesetze eine blutige Auseinandersetzung verhindert werden könne.

Die Zusammenkunft in Wien fand im Mai statt. Während des ganzen Sommers hatte sich die seit den Ereignissen vom Juni 1976 in Soweto negative Entwicklung der südafrikanischen Wirtschaft fortgesetzt: Anstieg von Arbeitslosigkeit und Inflation, Rückgang von Produktion und ausländischen Investitionen. Ende September entschloß Vorster sich, die Wahlen um achtzehn Monate vorzuziehen. Es war offenbar seine Absicht, die Weißen neu zu motivieren, denn vor allem in den Wirtschaftskreisen wurden gewisse Zweifel an seiner Politik laut. Harry Oppenheimer, Chairman der Anglo-American Corporation of South Africa: "Wir werden von einem Afrikaans-sprechenden Stammessystem regiert."