Als Claudio Monteverdi 1607 für Accademia und Hof von Mantua seine erste Oper schrieb, "L’Orfeo", marschierte er, vierzigjährig, an der Spitze der damaligen Avantgarde, und sein Stück bedeutete für die gerade zehn Jahre alte Gattung Oper sowohl Anfangsstadium als auch ersten Höhepunkt. Als Monteverdi vierunddreißig Jahre später für Venedig "Il Ritorno d’Ulisse in Patria" komponierte, konnte er so etwas wie eine Summe seiner Theatererfahrungen und ein ästhetisches Fazit ziehen.

Beide Werke und dazu noch die ebenfalls aus der Spätphase stammende "Incoronazione di Poppea" lassen sich jetzt im Theater vergleichend nebeneinander betrachten. Das Zürcher Opernhaus hat sich innerhalb von knapp zwei Jahren einen historisch-kritischen Monteverdi-Zyklus aufgebaut und damit nicht nur seine Leistungskraft, sondern vor allem die Theorie bewiesen, daß auch demonstratives und dokumentarisches Theater sich im Abonnements-Repertoire einnisten kann, wenn nur jemand den Mut zur Konsequenz und zur Kontinuität besitzt.

Zum drittenmal arbeitet jetzt das Team Nikolaus Harnoncourt (Dirigent) und Jean-Pierre Ponnelle (Inszenierung und Bühnenbild) in Zürich zusammen. Wieder mußte ein Stück um gut ein Drittel gekürzt werden – das frühe 17. Jahrhundert brachte offenbar für seine Theatervergnügungen etwas mehr an Zeit und Ruhe als das unsere und wohl auch ein erhebliches Maß mehr an literarischer Bildung mit.

Wieder mußte Harnoncourt aus einer nur aus zwei Linien (Gesang und Baßfundament) bestehenden Vorlage eine Partitur ausarbeiten, getreu dem Brauch des Barocktheaters, jene Besetzung und Instrumentation anzuwenden, die gerade am Ort vorhanden war. Wieder konnte er zwar auf die Vorarbeiten für eine Plattenaufnahme (1971, Teldec) zurückgreifen, mußten aber auch die Musiker des Opernorchesters sich erneut mit einer ihnen so völlig ungewohnten musikalischen Diktion vertraut machen – was ihnen offenbar immer weniger Schwierigkeiten und immer größeres Vergnügen bereitet.

Bei seiner Aufbereitung der Partitur hat Harnoncourt, das war nicht anders zu erwarten, den historischen Klang weitgehend zu rekonstruieren versucht, hat wieder mit verschiedenen Generalbaßinstrumenten die Charakterfarben unterstrichen, mit Hakenharfen den einen, vornehmlich den guten, mit einem schnarrenden Regal den anderen, natürlich den bösen. Sentimentalismen jedoch, die sich gerade in diesem Werk Monteverdis anbieten könnten, oder auch nur Ansätze dazu, hat Harnoncourt strikt vermieden, ohne daß die Musik dabei stimmungslos geworden wäre.

Weniger allerdings als andere Bearbeiter scheint Harnoncourt die verschiedenen "Standes"-Ebenen des Stücks und seiner Personage auch musikalisch interpretieren zu wollen. Da gibt es die eigentliche, zwar nicht alltäglich-realistische, durchaus mythologische oder der Heldensage (Homer) entsprungene, aber eben doch mit leibhaftigen Menschen verknüpfte Handlung von der Heimkehr des Odysseus (der ausgezeichnete Werner Hollweg) in sein Haus, wo Penelope (Ortrun Wenkel mit einem sehr schönen Alt-Timbre, wenngleich nicht immer ohne stilistische wie Intonations-Unsauberkeiten) sich nur mit viel Mühe der Freier erwehren kann (hervorragend darunter der falsettierende Paul Esswood).

Darum herum ein Rahmen: Die Geschichte ereignet sich so, weil die Götter es so wünschen – Neptun hat sich an Odysseus für die Blendung seines Sohnes rächen und ihn nicht heimfahren lassen wollen; schließlich aber können Juno, Jupiter und Minerva ihn beruhigen. Und um den Rahmen herum noch ein zweiter: Im Prolog erweist sich, daß Götter wie Menschen gleichermaßen in ihrem Tun wie in ihren Plänen den "Urmächten" unterworfen sind – die "menschliche Hinfälligkeit", die Zeit und das Glück liegen in Konkurrenz mit dem kleinen Amor, und was sie verkünden, ist kaum Anlaß zu Euphorie, wenig Hoffnung auf ein glückliches Ende. Aber der puttenhafte Amor ist, wir sind in der Oper, halt doch der Stärkere.