Von Benjamin Henrichs

Der Name der Bühne klingt pompös: "The New York Theater Ensemble." Ihr Spielplan verrät Kühnheit: im November zeigte man wechselweise "Hamlet" und "Romeo und Julia". Doch man ist hier in einer finsteren Gegend ein paar Häuser weiter beginnt die Bowery, die berühmteste von New Yorks Elendsstraßen. Ein paar Schritte sind es auch nur zu einer anderen amerikanischen Berühmtheit: zu Ellen Stewarts Theater La Mama, einer der Kultstätten des amerikanischen Avantgardetheaters.

Solche Nachbarschaften, denkt man, müßten eine Theatergruppe inspirieren, wenn sie heute den "Hamlet" spielt. Daß etwas faul ist im Staate Amerika, läßt sich hier an jeder Straßenecke beobachten. Doch den netten jungen Leuten vom "New York Theater Ensemble" ist es tatsächlich gelungen, ihre Theaterarbeit vor jeder, auch vor der allernächsten Wirklichkeit, hermetisch abzuriegeln. Sie spielten, in armselige, aber historisch "richtige" Kostüme gezwängt, einen rührenden Nirgendwo-Shakespeare, mit steifen Gliedern und feierlich festgefrorenen Gesichtern – es war wie ein dauerndes, ergriffenes Strammstehen vor dem heiligen Text. Der Titelheld mühte sich sogar ein wenig, Theater zu spielen; trippelte mal drei Schrittchen dorthin, drei Schrittchen zurück, was seine Monologe sehr belebte. Ich dachte zurück an einen anderen "Hamlet", den von Peter Zadek in Bochum-Hamme – da fand mitten in einer aufgeräumt-tristen Kleinbürgervorstadt ein phantasievolles Lumpentheater statt. Und jetzt, in einer Gegend New Yorks, wo es aussieht, als hätten die letzten Tage der Menschheit schon begonnen, dies kreuzbrave Konfirmanden-Theater. Anarchie in Bochum, Ruhe und Ordnung in New York: so träumt sich das Theater dorthin, wo es nicht ist.

Das also war meine erste Begegnung mit dem Off-Off-Broadway. Noch bevor Fräulein Ophelia dem Wahnsinn verfiel, hatte ich Abschied von der Aufführung genommen; nebenan, im La Mama, begann eine Nachtvorstellung. Tatsächlich war alles genauso, wie man es immer gelesen hatte: La Mama Ellen Stewart läutete mit einem zarten Glöckchen, und dann stellte sie die Gruppe des Abends vor, eine von den zahllosen, denen sie im La Mama an die Öffentlichkeit geholfen hat. Das "Spiderwoman Theatre" zeigte seine Aristophanes-Adaption "The Lysistrata Numbah".

Ein Frauen-Stück, eines von vielen in diesemHerbst. Natürlich hat es eine kämpferische Botschaft: es appelliert an die Frauen, selbstbewußt zu werden, stolz auf das eigene Geschlecht (und auf die eigenen Geschlechtsorgane), die Furcht zu verlieren vor der männlichen Gewalt.

Fünf Frauen haben sich das ausgedacht und führen es nun selber vor. "I’m a pretty girl", sagt jede von sich, und das ist wirklich eine selbstbewußte Behauptung – denn hübsch sehen die fünf am Anfang, in ihren bunten Hausfrauenmorgenmänteln, in ihren billigen Kaufhaus-Perücken, gerade nicht aus. Auch Lysistrata (Lisa Mayo) ist nicht hübsch, eher fett – aber dann führt sie überwältigend vor, was für schöne, heitere Sachen man mit so einem dicken Körper anstellen kann. Ob sie Songs brüllt, einen (Speck-) Bauchtanz vorführt, flammende Reden an die Geschlechtsgenossinnen hält oder sich in lüsterne Posen wirft: immer ist sie vulgär und graziös zugleich, ganz bürgerlich (die nette Dicke von nebenan) und doch ganz irreal, wie einem Slapstickfilm entlaufen. Eine Versöhnung findet statt zwischen Alltäglichkeit und Phantastik, Laienspiel-Übermut (Hausfrauen machen mal Theater) und großem Entertainment. Wenn es eine Gerechtigkeit gäbe, dann müßte Lisa der Star der Saison sein, nicht Liza. Aber New York nahm von den Spinnenfrauen kaum Notiz.

Es war also gleich am ersten Abend klargeworden, daß man am Off-Off-Broadway nahezu jede Art und Abart von Theater entdecken kann. Und die Hoffnung war zerschlagen, in zwei Wochen ließe sich so etwas wie eine Übersicht über das neue Theater in New York gewinnen. Um die mehr als hundert Klein- und Kleinsttheater des Off-Off-Broadway zu überblicken, um alles, was da über eine Bühne kreucht und fleucht, auch nur flüchtig kennenzulernen, brauchte man vermutlich ein ganzes Jahr.