"Man kann mit Gewißheit sagen, was in unseren Ländern des realen Sozialismus die Ideen unserer Herrschenden nicht sind: nämlich herrschende Ideen!" Diesen Satz hat ein Mann formuliert, der, zwischen den Fronten stehend, seit Jahrund Tag nicht müde wird, den realen (in Wahrheit scheinhaften) mit dem noch unverwirklichten (aber wahren) Sozialismus zu konfrontieren, die Diktatur der Wenigen mit der Demokratie der Vielen, den "behördlich verordneten Marxismus" ("von Jahr zu Jahr auf den neuesten Stand gebracht") mit einer Wissenschaft, die Kritik und Zweifel (auch an Marx) für genuin marxistisch hält.

Seiner großen Lehrmeisterin, Rosa Luxemburg, folgend, opponiert Robert Havemann in Übereinstimmung mit den Thesen der Eurokommunisten gegen die Anmaßung von Politbüros, die sich herausnehmen, im Namen der schweigenden Mehrheit zu sprechen – im Namen einer Majorität, die stumm bleibt, weil sie geknebelt ist: keine freie Presse, kein Mehrparteiensystem; keine freien Wahlen, keine freien Gewerkschaften, keine Religionsfreiheit. Die Errungenschaften der Französischen Revolution – papierene Formeln.

Havemanns Zielvorstellung, in präzisen, glänzend formulierten Maximen erläutert, ist eine Gesellschaft, die, vom Sozialdarwinismus ("jeder ist sich selbst der nächste") und persönlichkeitsfeindlichem Kollektivismus gleich weit entfernt, die Identität der Begriffe "Demokratie" und "Sozialismus" anschaulich macht. Der Weg dorthin, dies suchen die unter dem Titel "Berliner Schriften" gesammelten Traktate, Interviews und Memoranden zu belegen, ist kürzer als gemeinhin angenommen wird: Die Mängel der bestehenden Oligarchien liegen offen zutage: im Westen wenige Unternehmer, viele Unternommene; im Osten einige Vorbeter, in deren Litaneien das Volk nicht einfallen mag; der irreale Sozialismus des (höchst realen) kommunistischen Blocks will auf die Füße gestellt, der nach Chile und Vietnam endgültig diskreditierte Kapitalismus durch eine Ordnung ersetzt werden, in deren Umkreis das anno 1789 jedermann Versprochene auch von jedermann, und nicht nur von denökonomisch Mächtigen, eingeklagt werden kann.

Kampf an allen Fronten heißt die Devise dieser ebenso scharfsinnigen wie vernünftig-humanen Sendschreiben: Kampf gegen die Vor-Leser-(westlicher Verlautbarungen), die dem Volk einreden möchten, eine Lektüre lohne sich nicht, man habe geprüft und verworfen, Kampf gegen die Kalten Krieger auf der anderen Seite, die Robert Havemann loben, in der fernen DDR, und denen, die im eigenen Land wie Robert Havemann denken, mit dem Berufsverbot kommen und mit der Schere des Zensors. ("Die Verteufelung des Sozialdemokratismus in der DDR hat im Antikommunismus der BRD ihr spiegelbildliches Analogon.")

Wie das geschehen könnte? Nun, der Essay "Diktatur oder Demokratie", für mich dank seiner kühnen und exakten Begriffsbestimmungen das Herzstück des Bandes, verdeutlicht mit Hilfe eines vorausweisenden historischen Rückgriffs, in welcher Weise, mit dem Blick auf einen Prager Frühling, dem kein Breschnjew-Herbst folgt, die Vorstellung der "Diktatur des Proletariats" zugunsten der (die Trennung der Arbeiterparteien aufhebenden) Formel "Demokratischer Sozialismus" umgeschweißt werden müßte.

Dieser Text, und nicht allein er – die Berliner Schriften insgesamt – verdienten es, Pflichtlektüre zu werden: als Konterbande für Republikaner in widriger Zeit. (Robert Havemann: "Berliner Schriften", herausgegeben von Andreas W. Mytze; dtv 1311, Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1977; 6,80 DM.) Walter Jens