Die Ägypter luden ein, aber die Araber kommen nicht

Von Josef Joffe

Sadat hat den Einsatz verdoppelt. Nach dem Wagnis von Jerusalem tat er einen zweiten Schritt ins Ungewisse: Er lud am Wochenende alle am Nahostkonflikt beteiligten Parteien einschließlich Israels zur Vorbereitung der Genfer Friedenskonferenz nach Kairo ein. Jerusalem sagte sofort zu, dann folgten zögernd die Vereinigten Staaten und die Vereinten Nationen. Die Sowjetunion hat abgelehnt. Syrien und die PLO wollen das Treffen boykottieren, Jordanien und der Libanon lassen noch auf sich warten. In Kairo mischt sich nun Überschwang mit Fatalismus: "Sadat", heißt es in den Kaffeehäusern, "wird entweder den Friedensnobelpreis erhalten oder einem Mörder zum Opfer fallen."

In Israel, so schien es, war man auf den neuen Startschuß gut vorbereitet – die Zusage aus Jerusalem kam nur wenige Stunden später. Dafür war die Verwirrung in den arabischen Hauptstädten um so größer. In Damaskus wurde wieder arbeitsteilig der Text deklamiert, der schon vor Sadats Pilgerfahrt nach Jerusalem einstudiert worden war. Die Regierungspresse schrie schrill "Verrat", während Staatspräsident Assad Gemäßigtes von sich gab. Assad wies wohl die Einladung brüsk zurück, beteuerte aber gleichzeitig, daß er weder Ägypten noch dessen Führer zu isolieren versuche. Es gäbe keinen Zwist, sondern nur "abweichende Meinungen über die Methoden, die zum Frieden führen sollen". Auch die PLO verwarf Sadats Einladung, verzichtete aber überraschenderweise auf die Hetzparolen ("Er kann dem Henker nicht entrinnen"), die Sadats Reise nach Israel begleitet hatten.

Jordaniens König Hussein sprach seine "Vorbehalte" und sein "Verständnis" aus. Nachdem er den "großen Mut" des Ägypters gepriesen hatte, zog er es selbst vor, vorläufig zwischen den Stühlen sitzen zu bleiben: Jordanien werde erst nach Kairo gehen, wenn alle am Nahostkonflikt Beteiligten kämen. Die gleiche Bedingung gilt aber auch für den Anti-Sadat-Gipfel der Verweigerungsfront Syrien, Irak, Süd-Jemen, Libyen und Algerien, der an diesem Donnerstag in Tripolis tagen soll: Nur wenn alle arabischen Staaten teilnähmen, werde auch Amman eine Delegation entsenden. Auch der Libanon – viel zu schwach, um mit den Israelis zu paktieren oder die Syrer zu brüskieren – hütete sich, Partei zu ergreifen.

Die Libyer hetzen weiter

Das Motto der Saudis und der Golfstaaten, der petrodollarreichen Kassenwarte sowohl der Ägypter wie der Syrer, blieb: abwarten und abwiegeln. Den Saudis, die bisher die meisten Fäden der verschlungenen Nahost-Diplomatie in den Händen gehalten haben, ist Sadats Ausbruch nach Jerusalem immer noch unheimlich. Noch bedrohlicher aber erscheinen ihnen die linken Aufrührerregime in Bagdad und Tripolis und deren Handlanger in den radikalen Flügeln der PLO. Mittlerweile soll der Saudier-König Chalid Sadat für seine Israel-Reise und sein "Opfer für die arabische Sache" gedankt haben – so zumindest die offiziöse Kairoer Tageszeitung Al Achram. Zum Wochenbeginn ließ die amtliche ägyptische Nachrichtenagentur Mena verbreiten, daß Saudi-Arabien und Kuwait nicht am Tripolis-Treff der Sadat-Kesseltreiber teilnehmen würden. Dafür wollen beide zwischen Kairo und den Verweigerern vermitteln.