Von Hans-Jürgen Heise

Jorge Luis Borges ist schon immer von der Vorstellung besessen gewesen, daß das Leben ein System von Labyrinthen, dunklen Bezügen und spiegelflüchtigen Bildern ist. Auch im "Sandbuch", seinem neuesten Band mit Erzählungen, der schon zwei Jahre nach dem Erscheinen der Originalausgabe nun auf deutsch vorliegt, findet diese fixe Idee wieder ihren künstlerischen Niederschlag: unter anderem in "There Are More Things", einer Arbeit, die bereits mit ihrem Titel suggeriert, daß der Autor an Bereiche denkt, von denen sich unsere Universitätsweisheit nichts träumen läßt –

Jorge Luis Borges: "Das Sandbuch", Erzählungen, aus dem Spanischen von Dieter E. Zimmer; Hanser Verlag, München; 1977; 120 S., 10,80 DM.

Borges, den das Gefühl beherrscht, daß sich alles, was einmal geschah, stets wiederholt, legt es darauf an, fiktive Geheimnisse und Abgründe in der Wirklichkeit sichtbar zu machen, um hierdurch dem Dasein einen tieferen Sinn zu unterlegen. So kann es bei ihm zum Beispiel geschehen, daß ein Liebespaar aus den ganz alltäglichen Umständen modernen Lebens in eine präfigurierte mythologische Situation eintritt. Oder Borges steuert eine Variante zur Kreuzigungsgeschichte bei und läßt, in deterministischer Perfidie, die Judastat zu einem geplanten Teil göttlicher Vorsehung werden: "Der Herr verfügt die Geschehnisse auf pathetische Art... Es gibt keinen einzigen Schuldigen; es gibt niemanden, der nicht... dem Plan gehorchte ..."

Dieser Paraboliker, der sich als "hacedor", als Macher, versteht, beginnt seine Erzählungen als kühle Entwürfe, oft als trockene Rapporte: "Die Geschichte, die ich hier wiedergebe, ist die zweier Männer oder vielmehr die einer Episode, in der zwei Männer eine Rolle spielten .. Oder, mit noch mehr Understatement: "Die Sache trug sich 1897 in Montevideo zu." Erst nach einigen ganz normalen Einleitungssätzen, die den Eindruck aufkommen lassen, es würde unter der Schirmherrschaft des "common sense irgendeine belanglose Anekdote oder Kamingeschichte zum besten gegeben, schleicht sich etwas Vertracktes ein – eine bedrückende Unstimmigkeit, die sich sehr bald zu einer Absurdität oder einem (schein)metaphysischen Problem auswächst: "In meinem Schreibtisch in der Calle Mexico bewahre ich das Gemälde auf, das jemand in Tausenden von Jahren malen wird..."

Borges, der im Nachwort seiner neuen Prosasammlung listig sagt, er rechne mit der "gastfreundlichen" Phantasie seines Lesers, ist ein Terrorist der Logik und ein Attentäter der Beweisführung, dem es offensichtlich ein Bedürfnis ist, sich von seinen Ängsten und Zwangsvorstellungen durch diabolische Übertreibungen und sophistische Choreographien zu entlasten.

Da seine Erfindungskraft buchstäblich grenzenlos ist, geht er bei seinem Spiel mit philosophischen Inhalten und Maximen quasi bis zum Erschaffen "neuer" platonischer Ideen und zusätzlicher Urmuster. Wobei es auffällt, daß der Raum bei ihm stets banal, ohne jeden Anflug von Geheimnis, ist. Das phantastische Element, mit dessen Hilfe er verblüfft, fälscht, verwirrt und verzaubert, ist die Zeit, in der er Tiefen und Untiefen "nachweist", verborgene geschichtliche Winkel und mythologische Bezirke.