Was ist das: "die" Familie? Und was ist der Begriff Familie in unserer Zeit, in der fast alle Formen von Familie möglich sind und verwirklicht werden? Gerade diesen Fragen geht das Buch

Antoinette Becker/Elisabeth Niggemeyer: "Meine Familie – deine Familie"; Otto Maier, Ravensburg; 172 S., 25,– DM

nach. Die beiden Autorinnen haben vor Jahren die Photo-Bilderbücher gestartet, die als Reihe "Ich und meine Welt" genannt wurden und in rund zehn Titeln Kindern zeigten, was man etwa mit Tieren, Geld, Musikinstrumenten oder Geschwistern anfangen kann. Auch Krankenhaus, Geburt und Behinderung wurden nicht ausgespart, so daß ein realistischer Bild-Bericht über das Thema Familie nur logisch war. Neu ist allerdings das große Format und der Reichtum der – vorzüglichen – Photos. So ist etwas zwischen Photobilderbuch und Handbuch zur Sozialkritik entstanden, das sich schon ein Abc-Schütze anschauen kann und an dem Eltern Nachhilfe in Selbsterkenntnis nehmen können. Ein Familienbuch also im wahrsten Sinn des Wortes, das Familie als offene Form der vielfältigen Gemeinschaft definiert. Da steht der Bericht über die Zirkusfamilie neben dem vom adoptierten Kind. Gastarbeiter sind die Nachbarn der Wohngemeinschaft, die Bauernhochzeit gesellt sich zur Großmutterfamilie, die ledige Mutter zur Familie, "die für sich bleiben will".

Sechzehn Kapitel, sechzehn Arten, zusammenzuleben, sechzehnmal Wirklichkeit, an der die Kinder und die Jugendlichen ihre eigenen Vorstellungen und Träume messen können. Dazu knappe, zurückhaltende Texte, die keine vorgefertigten Urteile liefern, sondern immer mit einer Reihe von Fragen enden, die den Leser zum Nachdenken herausfordern und ihn zwingen, seine eigenen Meinungen und Prinzipien zu überprüfen oder zu formulieren.

Dieser Zwang zum Präzisen, zu einer Antwort, die vielleicht durch die nächste Bildgeschichte schon wieder hinfällig ist, bringt den Leser oder den Betrachter der Bilder schließlich dazu, über das nachzudenken, was man so schnell und leichthin als Pluralismus bezeichnet oder auch als Demokratie: die Freiheit, so zu sein, wie man will, und die Sicherheit, diese Freiheit ungefährdet ausleben zu können. "Die Familie, von der Buch handelt, ist der Ort, an dem es gelesen werden sollte", schreibt Hartmut v. Hentig im Vorwort, "als Bereicherung, Herausforderung und Trost."

Großeltern sind in den letzten Jahren in Mode gekommen. Wenn Eltern noch so nervös, verbiestert und zänkisch dargestellt werden: Großeltern retten die Ehre der älteren Generationen. Sie sind geduldig, kennen das Leben, die Kinder (vor allem die eigenen) und die Enkel, und wenn ein Autor nicht aufpaßt, gerät ihm die schrullige Oma schnell zum Klischee, im besten Fall zur Charge. In

Elfie Donnelly: "Servus Opa sagte ich leise"; Cecilie Dressler Verlag, Hamburg; 128 S., 12,80 DM