Von Dieter Buhl

Anfang November verschob der amerikanische Präsident abrupt eine Weltreise durch neun Länder. Er wollte zu Hause sein Energieprogramm vorantreiben. Hat Carter die gewonnene Zeit genutzt? Unser Redaktionsmitglied berichtet aus Washington.

Washington, Ende November

Jedes Jahr in der letzten Woche im November drosselt Amerika sein Tempo. Thanksgiving, das Familienfest zur Erinnerung an den ersten Erntedank-Schmaus der hartgeprüften Einwanderer vor über 350 Jahren, verordnet dem Land eine Atempause und lähmt auch das politische Leben. Washington arbeitet mit halber Kraft. Die Abgeordneten verbringen das lange Wochenende daheim in ihren Wahlkreisen; in vielen Amtsstuben macht sich ungewohnte Gemütlichkeit breit; der Präsident vertauscht das Weiße Haus mit einer geruhsameren Umgebung. In der festtagsmüden Hauptstadt herrscht Funkstille. Wo sonst eine Flut von Nachrichten produziert wird, müssen sich die Korrespondenten mit einem Rinnsal an Neuigkeiten zufriedengeben.

Ein Blick zurück hätte den Journalisten am Dienstag voriger Woche zumindest Stoff für eine Fußnote beschert. Doch kaum jemand aus der schnellebigen Welt der Medien erinnerte an das spektakuläre Ereignis, das der Präsident noch ein paar Wochen zuvor für diesen Tag geplant hatte. Nur die New York Times widmete dem vertagten Start der Blitzreise durch neun Staaten in elf Tagen einige Zeilen. "Mr. Carter", so merkte das Blatt mit einem Seitenblick auf die Sitzungspause des Kongresses an, "versagt sich eine Weltreise, um freie Hand für die Beteiligung an einem Gesetzgebungsprozeß zu haben, der nicht stattfindet."

"Wegen der überragenden Dringlichkeit, in diesem Jahr einen wirksamen Energieplan zu entwickeln", war Jimmy Carter nach seinen eigenen Worten zu Hause geblieben. Das Logbuch seiner Tätigkeit während der Tage, die er eigentlich hatte auf Reisen sein wollen, belegt solche Dringlichkeit nicht überzeugend. Hat sich der Verzicht auf die Parforcetour gelohnt?

Dienstag, 22. November