ARD, Mittwoch, 23. November: „Amnesty International“, Bericht von Fritz Kremser, und ZDF, Mittwoch, 23. November:„ZDF-Magazin“, Moderator: Gerhard Löwenthal

Ein nüchterner, im Hinblick auf das Thema sehr behutsamer Bericht: Vorgestellt wurde eine Institution, Amnesty International, deren Ziel es ist, mit Hilfe einer Fülle von beharrlich-geduldigen Initiativen (höflichen Briefen an Majestäten und Exzellenzen, zähem Nachfragen bei Behörden, unablässigem Dokumentieren von exemplarischen Fällen) die Freilassung von Menschen zu erwirken, die, aus politischen, rassischen oder religiösen Gründen verfolgt, oft jahrelang irgendwo in einem Kerker versteckt, im Iran so gut wie in Südamerika, auf ihr Urteil (sprich: ihre Aburteilung) warten.

Betreuung all jener, die, wiewohl sie keine Gewalt anwendeten und auch niemals zur Gewalt- aufriefen (eine entscheidende, wenngleich schwer zu präzisierende Prämisse der Amnesty-Arbeit: Wo ist die Grenze zwischen Notwehr und Initialgewalt?), in Gefängnissen oder psychiatrischen Kliniken dahinvegetieren. Den Inhaftierten wissen zu lassen, daß da irgend jemand an ihn denkt, seinen Namen buchstabiert, seinen Fall erschließt, seine Lebensumstände erträgt, seine Chancen zu vergrößern sucht: dies, dokumentierte der Bericht, ist das eine Ziel von Amnesty. Ein Ziel, das in Ost und West in gleicher Weise verfolgt wird und der Organisation in der Sowjetunion den Vorwurf imperialistischen Advokatentums, im Iran hingegen den Begriff prokommunistische Vereinigung“ eingetragen hat. Das andere Ziel: mit allen Mitteln, wiederum in Ost und West, gegen Todesstrafe und Folter, gegen Schein-Prozesse und niederträchtige Haftbedingungen zu protestieren: immer beispielhaft, immer unter Benennung von Tätern, Opfern und Zeugen.

Dies alles wurde sachlich und mit großer Vorsicht, eher beiläufig als in dramatischer Weise dokumentiert: Nur wenige Schreckensbilder, eine gefilmte Erschießung, eine Folterungsszene, Photographien von Gemarterten, machten deutlich, um was es in Demarchen, brieflichen Interventionen und Aktennotizen geht: um die Aufzeichnung von Szenen aus dem wiedergekehrten Mittelalter und dem – hundertmal vergeblichen, einmal erfolgreichen – Versuch, die Aufklärung ein zweites Mal in ihre Rechte zu setzen.

Wie schwer, wie hoffnungslos oft diese Aufgabe ist (schließlich geht es nicht zuletzt um einen Kampf gegen die Partialinteressen der gesellschaftlich mächtigsten Gruppen, der Regierungen, der Armeen, der Kirchen und der Geheimdienste, das bewies ein um die gleiche Zeit gesendetes Interview im ZDF-Magazin, ein Gespräch von Ultrarechts nach Ultrarechts: Gerhard Löwenthal befragte Strauß. Da erhielten Demokraten – der (im Gegensatz zu Pinochet, wie sich versteht) „nicht vom Volke gewählte“ Allende oder der als Opportunist abgetane Edoardo Frei – ihren Fußtritt, da sah sich der faschistische Diktator als Retter in letzter Stunde gefeiert: nicht anders als einst die hellenische Junta; da wurde Strauß von seinem Alter ego bescheinigt, er habe sich in der Welt genau und gründlich umgeschaut.

Gründlich? Ob er auch in den Gefängnissen war, der Pinochet-Wallfahrer und Apologet autoritärer Regimes? Ob er die Berichte einer Organisation gelesen hat, die, im Gegensatz zu ihm und seinesgleichen, über den Verdacht erhaben ist, auf einem Auge blind zu sein? Ob er zumindest jetzt jene Amnesty-International-Vertreter empfängt, die sich um die Betreuung der in Chile Gefolterten, der Tausende von Versklavten verdient gemacht haben? Ob er seine Beziehungen zu den von ihm hoffähig gemachten Blut-Generälen ausnutzt, um zumindest dem einen oder anderen Opfer der Junta zu helfen?

Die Worte, die Franz Josef Strauß mit Gerhard Löwenthal wechselte, während im anderen Programm die Gemarterten der Pinochets in aller Welt auf dem Bildschirm erschienen, deuten nicht darauf hin. Ganz im Gegenteil: Sie machten deutlich, wieviel Arbeit Amnesty International auch bei uns bekommen könnte, wenn Strauß und die Seinen versuchen sollten, die in Chile „erhaltene Freiheit“ (erhalten, wohlgemerkt!) auf die Bundesrepublik Deutschland zu – übertragen. Momos