Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im November

Die deutlichen Worte in Richtung Süden waren ebenso glaubhaft wie die Begeisterung darüber. Den Mitgliedern des Bundesausschusses der CDU war es aus dem Herzengesprochen, als Helmut Kohl, sein Generalsekretär Geissler und andere prominente Christliche Demokraten am Montag die Union aufforderten, das "törichte Personalgerede" zu beenden und statt ständiger Nörgelei mehr zu arbeiten. Die Euphorie, die sie damit, auslösten, hat nicht nur gezeigt, daß die Parteibasis die unausgesetzte Rangelei zumal zwischen CDU und CSU mehr als leid ist. Demonstriert wurde auch, daß die CDU nach wie vor keinen Besseren kennt als Kohl und ihm kräftige Rückendeckung schafft.

Dennoch bleibt die Frage, ob dies alles im Verhältnis zwischen den beiden Schwesterparteien und für Kohls Bonner Position von dauerhaftem Wert ist. Denn die CSU läßt weder von ihrer kaum verhüllten Kritik am CDU-Vorsitzenden und Oppositionsführer ab noch von ihrem Gedanken an eine wie auch immer beschaffene Ausdehnung oder Hilfstruppe nördlich des Mains. Daß sie die Wähler, die damit zusätzlich zu gewinnen wären, bisher nur in die Luft hat zeichnen können, stört sie wenig. Vielmehr geht es ihr darum, jenen "bundesweiten Anspruch" am Leben zu erhalten und zu bekräftigen, den ihr nach Kreuth auch die größere Schwester selber attestiert hat.

Die CSU betrachtet diesen Anspruch ebenso wie die gemeinsame Strategiekommission, in der Parität herrscht, als Mittel, die Politik der CDU zu beeinflussen, wenn nicht sogar wesentlich mitzubestimmen. Daß sich die CDU deshalb mit dem Beginn der Kommissionsarbeit nicht beeilt und die Aufgaben dieses Gremiums zum Teil auch anders interpretiert als die CSU, nützt ihr wenig. Die Bayern werden auf dem Zugeständnis bestehen, das ihnen bei der Wiedervereinigung der Fraktion und der Restituierung der Gesamtunion gemacht worden ist.

Experte oder Generalist?

Umgekehrt freilich wäre Kohl in einer besseren Lage, wenn seine ursprünglichen Hoffnungen, die FDP zu sich herüberziehen zu können, noch irgendeine Aussicht auf Erfüllung böten. Aber davon kann wohl auf absehbare Zeit keine Rede sein. So muß er zumindest verbal die Bereitschaft signalisieren, auch Strategien nach Art der CSU zu bedenken – selbst wenn die CDU ganz überwiegend und völlig zu Recht der Meinung ist, daß die Stimmen, die einer auf sich alleingestellten Union zur Mehrheit fehlen, nur durch einen direkten Einbruch ins sozial-liberale Wählerlager geholt werden können.