Von Jochen Hieber

I

Ohne Tücken sind heute nicht einmal mehr die biobibliographischen Angaben am Ende von Zeitschriften und Periodika. Wer’s nicht glaubt, der lese nach (auf Seite 225 des "Literaturmagazins 1"). "Klaus Stillers Stück ‚Die Räuber‘",heißt es da, "erscheint im Spätherbst 1973 bei Rowohlt." Das Stück ist nie erschienen, geschweige denn gespielt worden. Mag sein, daß die drei Szenen, die das "Literaturmagazin" im Vorabdruck präsentierte, nicht unbedingt auf das grandiose Debüt eines jungen Dramatikers hindeuteten. Aber liegt nicht im Fall jener neuen "Räuber" die Vermutung nahe, es könnten andere als ästhetische Kriterien gewesen sein, die eine Publikation verhindert haben? Thematisch skizzieren die drei Szenen das durch Schüttelreim und Knittelvers nur leicht verfremdete Tableau des Baader-Meinhof-Komplexes, Stand 1973. In vielem wäre das Stück durch die Ereignisse der letzten Jahre wohl überholt, vielleicht sogar widerlegt. In einem Punkte sicher nicht: Schon damals hatte Stiller – mit den ihm eigenen künstlerischen Mitteln – kritisches Unbehagen an den gesellschaftlichen und politischen Reaktionen auf das Phänomen Terror zum Ausdruck gebracht. Ist es unbillig zu vermuten, daran sei die Veröffentlichung letztlich gescheitert?

Jetzt ist Stillers fünftes Buch erschienen: "Traumberufe." Bescheidene zweieinhalb Seiten dieses augenzwinkernd subversiven Leitfadens offiziell vernachlässigter Ausbildungsgänge hat Stiller dem eigenen Stand gewidmet. Im Gegensatz zu den ebenfalls inspizierten und für zukunftsträchtig befundenen Betätigungen als Devisenschieber etwa, als Eigentümer oder Steuerhinterzieher scheinen die Erfolgsaussichten des Poeten jedoch nicht besonders rosig. Stillers Resümee ist düster "Bricht der Poet aber endlich zusammen unter der aufgestauten Last seiner Poesie, müssen wir uns beeilen, im modernen Antiquariat der Kaufhäuser noch ein paar Exemplare seiner verramschten Werke zu ergattern." Wahrhaftig ein Traumberuf, dieser Poetenjob.

II

Der Vater: praktischer Arzt in Augsburg; die Familie: katholisch. Konturen einer CSU-Welt, in der sich der heutige Wahlberliner Klaus Stiller nur besuchsweise und dann noch mühsam genug zurechtfindet. Unter normalen Umständen wäre er vielleicht auch existentiell ein Bürgerkind geworden, meint Stiller, so ist er es bloß in den Kategorien der Soziologie. Denn die Zeit seiner Kindheit ist nicht normal. Eben ist der Krieg zu Ende. Stillers erste bewußte Eindrücke fallen in die kurze Phase unfreiwillig ungeordneter Verhältnisse vor der Währungsreform. Bald jedoch geht alles wieder seinen Gang und Stiller aufs Gymnasium, 1961 dann zum Germanistik- und Romanistikstudium nach München. 1963 zieht Stiller nach Westberlin, beendet dort sein Studium bei Höllerer Und gehört zum Kreis des "Literarischen Colloquiums". Born, Buch und Piwitt sind unter seinen ersten Bekannten.

Als Nr. 11 der "Walter-Drucke" erscheint 1966 Stillers Erstling, ein Band mit drei Erzählungen, betitelt nach deren gewichtigster: "Die Absperrung." Eine Gruppe Bauern versinkt langsam, aber sicher im Sumpf. Zuschauer, in ihren Autos herangebraust, beobachten das Schauspiel von jenseits der Absperrung. Die Polizei sichert das Terrain, niemand kommt auf die Idee zu helfen. Ein besonders geschäftstüchtiger Voyeur verleiht gegen Geld sein Fernglas, um bei der Rückfahrt, von gewaltigen, nicht endenden Regenmassen überrascht, selbst unterzugehen: Schon die dürre Rekapitulation des äußeren Geschehens verweist auf die Vorbilder der ersten Talentprobe (die Surrealisten, die Parabeln Kafkas).