Ein Versuch über die Trivialliteratur

Von Jürgen Lodemann

In in Text wie der über Urban Brugger (siehe Kasten) findet in der Bundesrepublik rund 15 Millionen ständiger Leser. Allensbach sagt, jeder vierte von uns liest so etwas regelmäßig. Von den Jugendlichen, von den Angestellten und Arbeitern jeder dritte. Die Literaturwissenschaft hat sich darauf geeinigt, einen solchen Text als "Trivialliteratur" zu bezeichnen. Seit 1968 intensiv erforscht und beschrieben, in Fachhochschulen, Seminaren, in Zeitschriften und Monographien, was alles, fürchte ich, an der Grundeinsicht nichts mehr geändert hat, die Walter Nutz schon 1962 hatte: "Trivialliteratur wirkt nicht von sich aus auf die Gesellschaft ein, sondern sie paßt sich ihr an. Sie versucht, ihre geheimsten Wünsche zu erfüllen."

Schon diese Formel enthielt die Erklärung dafür, warum man 1968 aufhörte, Heftchenliteratur als unfreiwillig komische oder sonst mißratene Kunst zu beklagen, sondern warum man sie als die aufregendste Lektüre entdeckte, die sich denken läßt: Weil sich an ihr in der Tat nicht die vornehmen Proteste, Konflikte oder Mängel einiger weniger ablesen lassen, sondern die unausgesprochenen, die "geheimen Wünsche" einer schweigenden Mehrheit. Seit den Jahren, in denen Studenten mit Arbeitern und Angestellten ins Gespräch kommen wollten, bezog "Trivialliteratur" ihre Faszination aus eben dieser Vermutung: Einer Bevölkerung, deren Lage man als fremdbestimmt, als kapitalabhängig durchschaut hatte, die aber dennoch passiv blieb und es ablehnte, "mitzumarschieren", dieser offenbar dumpfen Mehrheit, die ihr Bewußtsein weder verändern noch erweitern, ja nicht mal wecken lassen wollte, diesem rätselhaften Tief- und Dauerschlaf der Abhängigen schien man auf dem Umweg über das, was diese Leute lasen, auf der Spur zu sein.

Warum einer Drogen nimmt, Alkohol, Valium, warum andere vor dem Bildschirm dahindämmern oder sich mit Platten- und Kassettenlärm die Ohren volldröhnen, ist immer nur indirekt zu ermittelp. Aber "Trivialliteratur" kommt ja als Sprache daher, hier konnten sprachkritische, also ästhetische Analysen gesellschaftliche Resultate bringen.

Inwiefern paßt sich der hier zitierte Text vom Hochgebirgsmaler Urban Brugger einer Gesellschaft an?

Vokale und Konsonanten seines Namens tönen sanft, da ist nichts Bitteres vom Gallistl, nichts Fragwürdiges vom Gantenbein, nichts Anstößig-Plebejisches vom Matzerath oder der Rotzoll, nichts Absonderliches von Gesine Cresspahl und auch nichts Märtyrerhaft-Unberührbares wie bei Katharina Blum – nein, Urban Brugger ist vorsichtiges Mittelmaß: Gepflegte Kleinbürgerlichkeit. Dieser Maler wird keine Labyrinthe malen, keine Verwirrstücke machen und keine surrealen Visionen, der malt Gebirge, deutsches Hochgebirge, im Karstadt-Stil.