Von Gabriel Laub

Hohes Gericht! – Meinem Mandanten, dem Nebel, werden schwere Verbrechen zur Last gelegt. Er wird beschuldigt, Schiffs- und Flugzeugkatastrophen sowie auch Autounfälle verursacht und somit viele Menschenleben vernichtet zu haben. Es wird ihm tückische Handlungsweise vorgeworfen, denn er kündigt nicht immer sein Erscheinen rechtzeitig an.

Wir wollen nicht bestreiten, daß mein Mandant tatsächlich im Laufe der Jahrtausende seiner Existenz Verluste an Menschenleben verursacht hat. Wir müssen jedoch die Frage stellen, ob er es in verbrecherischer Absicht getan, und dies eindeutig verneinen. Nach dem Prinzip cui bono ist es ein Leichtes festzustellen, daß der Nebel keinen Nutzen davon hat. Sadistische beziehungsweise menschenfeindliche Tendenzen sind meinem Mandanten nicht zu unterstellen, da er kein Mensch ist. Somit entfällt auch der Vorwurf der Tücke.

Diese Anschuldigung wird auch dadurch entkräftet, daß weder die Zeit der Erscheinung meines Mandanten noch die Wahl des Ortes von seinem Willen abhängt. Beides wird von Gesetzen bestimmt, und zwar von Naturgesetzen. Das Auftreten meines Mandanten ist jeweils ein klarer Fall einer deterruinierten Handlung, mit Handlung auf höheren Befehl vergleichbar.

Sollte der Herr Staatsanwalt auf Totschlag, fahrlässige Tötung beziehungsweise schwere Körperverletzung mit Todesfolge in mehreren Fällen plädieren, muß man im voraus sagen, daß in allen Fällen die ausschließliche Eigenverschuldung der Beschädigten vorliegt. Es sind die Menschen, die schnelle Verkehrsmittel erfunden haben und das Risiko der Unfälle im Nebel einkalkuliert haben müssen. Nebel wurde dagegen in einer Zeit geboren, in der es diese Verkehrsmittel noch nicht gab, war also weder verpflichtet, noch imstande, sich ihnen anzupassen. Solange die Menschen nur zu Fuß gingen, konnten sie im Nebel höchstens mit den Köpfen zusammenstoßen, was zu keinen großen Schäden führte, zumal die Menschen ihre Köpfe nur selten ihrer Bestimmung entsprechend benutzen. Man kann den Angeklagten auch für jene Fälle nicht verantwortlich machen, bei denen Menschen im Nebel sich verirrt haben oder von hohen Bergen abgestürzt sind. Es ist einzig und allein die Schuld der Betroffenen, denen es frei stand, von ihren riskanten Unternehmungen abzusehen oder sie rechtzeitig zu unterbrechen.

Zur Entlastung meines Mandanten muß man auf seine trostlose Kindheit und sein schweres Leben hinweisen. Seine Mutter ist das Wasser, das von dem Menschen am schlimmsten ausgebeutete Naturelement, seine Väter sind zahlreich und meistens unbekannt. Von der Geburt an wird der Nebel in kleine ohnmächtige Tropfen zerlegt, durch den Naturkreislauf getrieben, vom Wind hin und her geschoben. Die Menschen haben ihm immer ihre Anerkennung verweigert, ihn verachtet, sie haben ihm – anders als seinen glücklicheren, favorisierten Geschwistern wie Bäche, Flüsse, die See, der Regen – fast nie göttliche Ehren verliehen. Es wäre nur verständlich, hätte sich mein unterprivilegierter Mandant an Menschen rächen wollen, um seine Rechte und seine Würde mit Naturgewalt zu erzwingen.

Im Gegenteil, er hat mehr Menschenleben gerettet als er Todesfälle – ohne eigene Schuld – verursacht hatte. Man denke nur an die unzähligen Verfolgten, die bei Nacht und Nebel ihren Verfolgern entkamen, an Schiffe, die sich im Nebel vor Piraten versteckten, an Armeen, die das Schlachtfeld verfehlten und somit das Blutvergießen minderten! Die Menschen produzieren sogar künstlichen Nebel, um sich unter seinem Schutz zu retten – ist das nicht ein Beweis der positiven Wirkung meines Mandanten? Darüber hat der Herr Staatsanwalt kein Wort verloren!