Der Hund, einigermaßen erzogen, bellt, ohne zu beißen. Ein dressierter Hund beißt, ohne zu bellen. Mit letzterem hat es der Briefträger zu tun, der durch das Schild "Vorsicht bissiger Hund!" davor gewarnt wird, dem Hausbesitzer zu nahe zu treten. Und selbst das ein bißchen freundlicher wirkende Schildchen "Warnung vor dem Hunde" schließt keineswegs aus, daß die wohldressierte Kreatur auf feindliche Hosenböden konzentriert sein könnte. Hier wie dort droht das Herrchen auf eigenem Grund und Boden damit, andere für sich beißen zu lassen.

Wie auch immer, die deutschen Verbotstafeln gehören zu den eindrucksvollsten der Welt. Nirgendwo sonst wird, selbst vor dem kleinsten Schrebergarten, so nachdrücklich mit dem Einschüchterungseffekt gearbeitet wie hierzulande. Dabei spielt das Ausrufungszeichen eine große Rolle.

"Zutritt verboten!", "Rauchen verboten!", "Betreten verboten!" – das sind die gängigsten Formulierungen, die in die Quadern deutscher Gründlichkeit eingeprägt sind. Das Ausrufungszeichen läßt strammstehen. Wehe, einer sieht nur den Punkt. Wer will daran zweifeln, der großartigste und zugleich unheimlichste Zauber der privaten Verbotsschilder liegt im Ausrufungszeichen. "Achtung Fußangeln!", "Achtung Selbstschüsse!" – wer wird da noch einen Schritt in Nachbars Garten riskieren.

Und doch läßt sich die Wirkung des Ausrufungszeichens noch steigern. Man sagt dann nicht einfach "Zuritt verboten!", man sagt: "Zutritt strengstens verboten!" Das hat die Wirkung eines Keulenschlags. "Strengstens" ist zwar in "keinster" Weise ein richtiger Superlativ; aber er ist "bestens" geeignet, ein deutsches Gemüt einzuschüchtern. Und darauf kommt es an.

Nun ist es natürlich klar, daß ein Verbotsschild, das einschüchtern soll, nicht auch noch heiter sein kann. Und wer seinen Grundbesitz gegen Leute schützen muß, die möglicherweise manches nicht verstehen können, weil sie selbst keinen eigenen Grundbesitz haben, ist nun einmal auf Verbotsschilder angewiesen.

So tritt die Natur in Seenähe häufig in sogenannten "Wanderwegen" zutage, die durch Grundbesitze durchschnitten werden. An diesen Schnittstellen erlebt der Wanderer, die kürzeste aller Verbotsschild-Formulierungen: "Privat!" Das klingt wie "Stillgestanden!" und "Kehrt marsch!"

Allerdings, die Unvollkommenheit der Welt bringt es mit sich, daß es immer und überall Menschen gibt, die sich vollkommen abschirmen können gegenüber dem Sinngehalt derartiger Tafeln. Tatsächlich wird der währe Wert eines Verbotsschildes erst deutlich, wenn man die Reaktion betrachtet, die es auf der "anderen" Seite auslöst. Und da wird immer häufiger, etwa bei der Betrachtung des Schildchens "Betreten für Unbefugte verboten!", die Frage gestellt, wer denn nun überhaupt "unbefugt" sei. Die Antwort muß lauten: Unbefugt ist grundsätzlich der, der nicht befugt ist.