Ihre Parteitage aus Kiel und Hamburg müssen FDP und SPD nicht erst verdrängen; sie sind im Bonner Alltag schon vergessen worden. Jetzt wird wieder ohne jene Rücksichten geredet, die vor Parteitagen genommen werden. An der Politiker-Sprache läßt sich erkennen, daß wieder Normalzeit herrscht.

Hans Apel hatte nach dem Hamburger Kongreß der Sozialdemokraten als erster offenbart, was er von den Beschlüssen hält: nichts, oder doch nicht viel. Kanzler Schmidt hat nun der SPD, jedenfalls den Ungeliebten darunter, in der Dortmunder Westfalenhalle die Leviten gelesen. Vor allem die "wohlmeinenden Idealisten" in den Bürgerinitiativen, die Umweltschützer, die gewissen intellektuellen Zirkel, die nur "maulspitzen" können, haben ihr Fett abbekommen. Schmidts Neigung, so zu reden, wie er denkt, darf sich wieder ungestört entfalten.

Über die Zukunft der Parteitage wird in den Parteien ernsthaft nachgedacht. Mit den "großen", den politischen Themen, befassen sich in der Regel Fachkongresse. Sie sollten die Parteitage entlasten: das war die Idee ihrer Väter.

Inzwischen läßt sich eine andere Bilanz ziehen: Sie entziehen den Parteitagen ihre Schlüsselthemen; und sie demonstrieren andererseits immer häufiger nur noch, daß eine Partei bestimmte Fragen auch wirklich ernst nimmt. Wer den ersten Fachkongreß abhält, hat das Thema "besetzt"; solch heimlichen Wettbewerb, der den Reiz der Tagungen nicht erhöht, erleben wir leider laufend. Dieser Ehrgeiz mag auch die Union bewogen haben, die "geistige Auseinandersetzung mit dem Terrorismus" – jüngste Leerformel im Bonner Sprachschatz – mit Professoren-Hilfe während eines Kongresses zu führen.

Die Überlegungen in der SPD richten sich nun darauf, die mit Anträgen aus Ortsvereinen und Bezirken überschwemmten Parteitage wieder in ihr altes Recht einzusetzen. Künftig soll der Parteirat; höchstes Gremium zwischen den Parteitagen, über das diskutieren und entscheiden, was Fachkongresse vorgeklärt haben.

Im Klartext heißt das auch: die Ortsvereine sollen zurückstecken. "Weil man Demokratie auch ersticken kann durch Masse", argumentiert Geschäftsführer Bahr. Ohnehin hat der Hamburger Parteitag bei den Partei-Oberen das Mißtrauen in einige Praktiken der "Basis" bekräftigt. Viele Ortsvereine, die sehr weit auseinanderliegen, haben mit den gleichen Anträgen aufgewartet. Bahrs Wort dafür: Kungelei. Und Brandt: Die Ortsvereine sollten für ihre Vorschläge in den nächsthöheren Parteigremien fechten, aber nicht unbedingt aus Prestigegründen Anträge für die Parteitage ausarbeiten.

Weniger ernst gemeint sind zwei andere Alternativen. Danach könnte dem Beispiel der Holländischen Arbeiterpartei gefolgt werden, in der die Redezeit für Delegierte auf eineinhalb Minuten beschränkt ist. Mit den Worten, "Genosse, wir wissen jetzt in der Tendenz, was du uns sagen willst", kann der Vorsitzende sie sogar auf eine Minute verkürzen. Oder der notorische Schnellsprechen und Silbenverschlucker Hans Koschnick müßte alle Reden vortragen.