Ein Buch, ein Film, ein Welterfolg

Von James Baldwin

Die Kontroverse (man ist versucht zu sagen: die scheinbare Kontroverse), die Alex Haleys Roman "Wurzeln" hervorgerufen hat, hat nichts mit den Verdiensten und Schwächen des Buchs zu tun, noch hat sie leider etwas zu tun mit dem exemplarischen Weg des Mannes, dessen Leistung es ist. Sie hat auch nichts mit "Onkel Toms Hütte" zu tun – eine der aufschlußreicheren amerikanischen Vermutungen –, und sei es allein darum, weil beispielsweise die Schwarzen von Soweto nicht hoffen können, aus ihrem Süden in den Norden oder Osten oder Westen zu fliehen. Die Kontroverse hat auch nichts zu tun mit Haleys Können als Historiker: vor allem wenn man bedenkt, was den Schwarzen bisher an Geschichte zuteil geworden ist. Über das Buch läßt sich endlos streiten; aber niemand wird dem Buch seine außerordentlich bedeutungsvolle Existenz streitig machen können.

Haley hat angeblich zugegeben, daß die Rekonstruktion des Dorfs seiner Vorfahren nicht mit den Tatsachen des Alltagslebens in jenem besonderen Dorf des Jahres 1767 übereinstimme, daß sie sehr wohl aber übereinstimmt mit dem Leben, wie es damals in den anderen Dörfern Gambias geführt wurde. Und: "Ich brauche, wir brauchen einen Ort namens Eden. Mein Volk braucht einen Pilger-Fels."

Geschichte – nicht nur Totentanz

Dies ist, wenn ich das so sagen darf, vor allem nicht die Äußerung eines verhärteten oder verweichlichten zu spät gekommenen Abenteurers. Es ist das benommene und stockende Bekenntnis eines Entdeckers, der unversehens auf ein Gebiet geraten ist, das sehr viel weitläufiger ist, als er es sich jemals hätte träumen lassen – und das auch noch ohne jede Absicht, es zu erobern: wobei jede Eroberungsabsicht eben die Möglichkeit der Entdeckung ausgeschlossen hätte. Man könnte sagen, daß die europäischen, die westlichen Nationen gerade jetzt entdecken, was es heißt, entdeckt zu werden, aber dies wollen wir im Augenblick auf sich beruhen lassen, um zu Haleys Äußerung zurückzukehren.

Es ist eine sowohl realistische wie naive Äußerung, und sie mag mehr von den tatsächlichen Motiven dessen enthüllen, was wir Geschichte nennen, als man glauben möchte, von der tyrannischen Macht der Geschichte ganz zu schweigen. Ich brauche, wir brauchen ein Eden. Mein Volk braucht einen Pilger-Fels. Wie gern ich das für meine Person abstritte! Habe ich doch Paradiese und lebenspendende Felsen schon vor langem katalogisiert und kategorisiert und aus meinem Bewußtsein verbannt. Ich sage das so: Aber es ist, als sagte ich, daß ich alles katalogisiert und kategorisiert und aus meinem Bewußtsein verbannt habe, was mir widerfahren ist, ehe ich sozusagen ein Mann wurde. Als ich ein Mann wurde, trennte ich mich von all den kindlichen Dingen: in der Tat eine fragwürdige Behauptung in Anbetracht des Umstands, daß die Wörter Nigger, Itzig, Itaker in mir den allerheftigsten Zorn wecken können, von Eden zu schweigen (und was die rocks angeht, die Felsen, denke ich immer an die Stadt Little Rock). Manche Worte, Momente, Blicke berühren eine Wunde, einen Nerv, lassen das Blut wieder hervorstürzen. Ich bin, was meine Geschichte aus mir gemacht hat, und ich bin ebenfalls, was ich aus meiner Geschichte zu machen versuche. Und ich habe diese Geschichte nicht erfunden, sie ist nicht das Produkt meiner einsamen, fieberhaften, kindischen Phantasie: Ich habe gesehen, wie Leute als Nigger, Itzigs und Itaker ermordet wurden. Ich kann nicht vergessen, was ich gesehen habe, ich kann nicht verleugnen, welche Kräfte mich geformt haben, auch wenn ich manchmal gemeint habe, daß ich mir wünschte, ich könnte es. Es ist verführerisch, mit der Geschichte so umzugehen, als wäre sie ein Gegenstand, der einen selber nicht enthielte und in dem man nicht enthalten wäre.