Von Hans C. Blumenberg

Ein Bergarbeiter-Streik in Kentucky, das ruchlose Treiben der italienischen Groß-Bourgeoisie um die Jahrhundertwende, ein literarisches Vexierspiel in Indien, Künstler- und Killer-Biographien, deutsche Amateure und französische Profis, amerikanische Musik-Szene und polnisches Historien-Panorama, feministische Lehrstücke und Hollywoods Reverenz an die eigene glorreiche Vergangenheit: Wer vier Tage lang das Programm der 4. Hamburger Kinotage verfolgte, dem mußte schließlich der Schädel brummen vor lauter disparaten Eindrücken, gewaltigen Milieu-, Stil- und Zeit-Sprüngen fast von Stunde zu Stunde, von keiner Festival-Dramaturgie geordnet. Das einzige erkennbare Auswahl-Prinzip war das der Wundertüte: große Namen (Marguerite Duras mit "India Song", Agnes Varda mit "L’une chante, l’autre pas") neben namenlosen Anfängern, perfektes Hollywood-Entertainment (Robert Mulligans "The Nickle Ride", "Peeper" von Peter Hyams) neben einem kämpferischen Dokumentarfilm wie Barbara Kopples "Harlan County USA" und Peter Watkins’ biographischer Recherche "Edvard Munch".

Die Hamburger Kinotage, 1974 aus einer Mangelsituation geboren, belegen noch immer eindrucksvoll einen Notstand. Jene ehrgeizigen Kino-Macher (dieses Prädikat haben sie sich selber erfunden) aus allen Teilen der Republik, die sich nicht damit begnügen mögen, nur das – nicht eben anspruchsvolle – Angebot der großen Verleihfirmen zu nutzen, müssen auf andere Weise zu vorzeigbarer Ware für ihre Theater kommen. interessante, kommerziell wie künstlerisch halbwegs attraktive Filme sind rar, und was die etablierten Verleiher nicht selber auf den Markt bringen, landet meist beim Fernsehen. Die Lücken in diesem System, erstaunlich und erfreulich viele, nutzt die in Hamburg ansässige "Arbeitsgemeinschaft Kino", zu der sich inzwischen rund 150 deutsche Kinos zusammengeschlossen haben. Ihr Filmstock umfaßt 77 Titel, aus dem sich nicht nur die Mitglieder bedienen, sondern zusätzlich noch zweihundert andere Theater: mithin jedes neunte deutsche Kino.

Programm-Kinos nennen sie sich selber, doch ihr einziges Programm ist eins der Negation: der konsequente Verzicht auf den handelsüblichen Schund. Kein Schulmädchen-Report, keine Brücke von Arnheim, kein krudes Karate-Spektakel finden den Weg in die "Meisengeige" (Nürnberg), das "Cinema Ostertor" (Bremen), das "Savoy" (Köln), den "Notausgang" (Berlin). Oder eben ins Hamburger "Abaton", in dessen zwei Sälen die alljährlichen Kino-Tage stattfinden: als Programm-Messe und Diskussions-Forum der Außenseiter, die sich hier mit Filmen für die neue Saison eindecken.

Nicht unbedingt mit neuen Filmen. Die AG Kino kann sich Lizenz-Gebühren von IOC 000 Mark pro Film keineswegs leisten, man ist darauf angewiesen, günstig einzukaufen, und mit schwindender Aktualität (im Sinne der Branche) sinken auch die Preise. Das australische Banditen-Porträt "Mad Dog" mit Dennis Hopper etwa, vor zwei Jahren noch unerschwinglich, wird demnächst ebenso in den Programm-Kinos auftauchen wie einige Titel, die schon im Fernsehen gelaufen, dort untergegangen und jetzt billiger zu haben sind: James Frawleys allegorischer Western "Kid Blue" (ebenfalls mit Dennis Hopper, auf den die Kino-Macher nach dem Erfolg des "Amerikanischen Freunds" zu setzen scheinen), hoffentlich auch Bob Rafelsons eisige Entfremdungs-Studie "The King of Marvin Gardens" (1972) mit Jack Nicholson und Ellen Burstyn, eins der Schlüsselwerke des neuen amerikanischen Kinos. Bei den öffentlichen Abstimmungen freilich, mit denen in Hamburg die Publikumsreaktionen auf die einzelnen Filme getestet wurden, erwies sich einmal mehr, daß so stille, komplizierte Filme wie der von Rafelson selbst in den Programm-Kinos keine großen Chancen besitzen.

Ein paar ungeordnete Eindrücke von einer angenehm ungeordneten Veranstaltung. Als echte Entdeckung empfiehlt sich Robert Mulligans "The Nickle Ride" von 1974, eine lakonische, erst im letzten Viertel sentimentalisch ausufernde Halbwelt-Skizze über einen alternden "Schlüssel-Mann", der den neuen Männern des Syndikats unangenehm wird. Brillante Kameraarbeit von Jordan Cronenweth. Auch André Techinés "Barocco" (Frankreich, 1976), eine mysteriöse urbane Horror-Geschichte, die gelegentlich an Wenders’ "Amerikanischen Freund" erinnert, verdankt einen Gutteil ihrer suggestiven Faszination der Kamera von Bruno Nuytten. Enttäuschend: der letzte Film von Agnes Varda, ein allzu niedliches, idyllisches Emanzipationsstück, dessen utopische Dimension von Frauen-Solidarität sich in parfümierten Kitschpostkarten verliert – "L’une chante – L’autre pas", die eine singt, die andere nicht.

Drei deutsche Filme, Debüt-Werke, angefordert, auch noch ziemlich ungelenk: "Das unwirkliche Ende des Siegfried Braun" von Rainer Beck, eine Abschlußarbeit der Berliner Filmakademie, in der ein Privatdetektiv auf der Suche nach Hitchcocks "MacGuffin" entdecken muß, daß er selber nur eine Kino-Figur ist, ein mit den Mitteln der filmischen Fiktion beliebig manipulierbarer Hampelmann; "Puppe kaputt", ein gutgemeinter, wenn auch etwas schematischer Berliner Frauenfilm von Dagmar Beiersdorf; "Krautsand" von Maria Czura und Tillmann Scholl über die ländlichen Erfahrungen einer Gruppe von Großstädtern, leider arg dilettantisch in der Ausführung. Aber wer, wenn nicht die AG Kino, sollte diesen jungen Filmemachern überhaupt die Begegnung mit einem Publikum bescheren, aus dessen Reaktionen sie lernen können? Information zählt da mehr als Qualität, auch wenn sich insgesamt das künstlerische Niveau der Kinotage erheblich verbessert hat.