Von Michael Buselmeier

Johannes Schenk zählt zu den wichtigsten jüngeren Lyrikern in der Bundesrepublik. Gleichwohl wird er, der seit etwa zehn Jahren Gedichte veröffentlicht, von der literarischen Kritik oft nicht ernst genommen. So kann man erfahren, Schenks Gedichte seien halt in ihren stilistischen Mitteln beschränkt und gleichförmig, oft gedanklich verworren und redselig, und somit naive Kindergeschichten mehr denn Gedichte – Urteile, die sich partiell durchaus begründen lassen. Es gibt bei Schenk in der Tat allerhand spannungsarme, bloß aufzählende Passagen; und syntaktische Eigenarten wie etwa das allzu häufig nachgestellte adjektivische Attribut ("der Tee, der dampfende") könnten auf mangelnde Reflexion der literarischen Mittel hinweisen.

Ich möchte dagegenhalten: Schenks Gedichte sind übervoll von der Individualität ihres Autors, der subjektiv-politische Texte schrieb, lange bevor es eine Neue Subjektivität als Trend gab. Sie erscheinen manchmal verworren, weil die Wirklichkeit, wie Schenk sie erfährt, ungeordnet und vielfach gebrochen ist, sich also nur gewaltsam auf gemeißelte Formen und einfache, evidente Widersprüche reduzieren ließe, eben unter Ausklammern alles Sperrigen. Schenk hat den Mut, sein Vorstellungsvermögen nicht zu beschneiden, krumme Sätze, Wucherungen stehen zu lassen.

Auch in seinem fünften Gedichtband –

Johannes Schenk: "Zittern", 45 Gedichte; Wagenbach Quartheft 86, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin, 1977; 95 S., 8,80 DM