Die größte Gefahr, die uns jetzt bedroht, ist die Verwandlung des Aggregatzustandes der Bundesrepublik. Aus einem liberalen, reformfähigen (wenn auch schwer reformierbaren) Gemeinwesen kann ein starres Gebilde werden. Aber nicht die starren Masten sind fähig, dem Sturmwind standzuhalten, sondern die geschmeidigen Bäume.

Iring Fetscher: "Terrorismus und Rechtsstaat in Heft 4 der "Neuen Rundschau"

Veto gegen Staeck und Chotjewitz

Die Kette der Meldungen über immer ungeniertere Verbote künstlerischer Veranstaltungen reißt nicht ab: In der letzten Woche schritten Westberliner CDU-Politiker zur Tat und sorgten für weitere Skandalnachrichten. Der Charlottenburger Volksbildungsstadtrat Röseler (CDU) untersagte eine Lesung des Schriftstellers Peter O. Chotjewitz in der Bezirksbücherei. Zur Verteidigung dieses Verbots hatte er die politische Patentbegründung zur Hand: Chotjewitz sei ein Feind der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Nicht das Ansehen der FDGO, sondern das der eigenen Partei sahen die Kollegen von der Kreuzberger CDU gefährdet, als im dortigen Rathaus eine Klaus-Staeck-Ausstellung eröffnet wurde. Die CDU überraschte dort mit einer neuen Variante der Aktion wider den Polit-Künstler. Es gab keine Wiederholung der Bilderstürmerei von Bonn, aber für die Dauer der Ausstellung soll die SPD als Initiator der Schau mit Rathausboykott bestraft werden. Staeck reagierte auf diese Aktion der Christdemokraten nur mit der Information, daß er weit wirksamer als solche offenen Verhinderungsversuche inzwischen die unsichtbaren Verhinderungen auf dem Schleichweg der inneren Zensur zu spüren bekomme. Wurden 1976 noch rund 1000 Staeck-Ausstellungen in bundesdeutschen Landen gezeigt, so wurden heuer überhaupt nur 50 geplant.

"Die Konsequenz" im Kino

Zum fünftenmal in der Geschichte der ARD schaltete sich am 8. November der Bayerische Rundfunk aus dem Gemeinschaftsprogramm aus. Nicht zumuten mochte Fernsehdirektor Helmut Oeller dem weiß-blauen Volk Wolfgang Petersens (eher zurückhaltenden) Homosexuellen-Film "Die Konsequenz". Statt dessen gab es den "Sternsteinhof" von Hans W. Geissendörfer, ein rechtschaffenes Bauerndrama, das dem BR nachträglich einigen Ärger einbringen könnte: Der mit Mitteln der Filmförderungsanstalt produzierte Film war noch nicht für eine Fernsehausstrahlung freigegeben (die Sperrfrist beträgt zwei Jahre). "Die Konsequenz" indessen werden die Bayern nun doch sehen können: Am 2. Dezember läuft der zu Unrecht zum anrüchigen Skandalstück stilisierte Film in zunächst zehn bayerischen Städten im Kino an, unter anderem in Augsburg, Ingolstadt, Nürnberg, Rosenheim und Würzburg. Die Wiesbadener Filmbewertungsstelle befand: "Wertvoll".

Hungener Wochenende der Literatur