Von Jost Nolte

Zweimal wurde es gefährlich. Einmal brannte neben einem Stall mit Reitpferden und in nächster Nähe eines Wohnhauses eine Scheune. Sie war nicht groß, beherbergte aber immerhin fünftausend bis siebentausend Ballen Heu und Stroh. Beim andernmal brannte der Dachboden eines Hochhauses. In den acht Stockwerken des Hauses lebten zumeist ältere Menschen.

Die übrigen Feuer waren harmloser. Es brannten Grasböschungen, ein Abstellschuppen und ein Waggon auf einem Güterbahnhof. Auf dem Waggon lag ebenfalls Heu. Auf dem Nebengleis warteten Kraftwagen und Schützenpanzer der Bundeswehr auf ihren Weitertransport. Sie nahmen jedoch nur geringen Schaden.

Die Brände ereigneten sich von Juli bis September 1976, und die Brandorte lagen in den benachbarten Hamburger Bezirken Billstedt und Bergedorf. Brandstiftung war allemal anzunehmen, und schon auf dem Güterbahnhof interessierte sich die Polizei für Werner P.; Zufallszeugen hatten den 34jährigen Obdachlosen der Zündelei verdächtigt.

Nach dem Feuer im Hochhaus deutete mehr auf Werner P.s Täterschaft: In der Wohnung unter dem Brandherd lebte seine geschiedene Frau mit seinen beiden Kindern. Ihnen hatte P. in den Wochen zuvor unentwegt nachgestellt. Als ihn seine Frau ebenso unentwegt zurückwies, drohte er ihr schließlich, das Haus anzustecken. Dann brannte es tatsächlich – und zwar einige Stunden vor dem Dachbodenfeuer im Keller, und Werner P. drückte sich am Schadensort herum.

Trotz dieser und anderer Indizien blieb er auf freiem Fuß, bis er am 19. Dezember 1976 zu mitternächtlicher Stunde die Billstedter Polizeiwache anrief, sich der Brandstiftung bezichtigte und bat, man möge ihn aus einer Kneipe abholen. Vor den diensttuenden Beamten der Hamburger Brandermittlungskommission nahm er dann zwischen drei und sieben Uhr morgens acht oder neun Feuer auf seine Kappe. Das Verhör zur Nachtzeit widersprach der Strafprozeßordnung, aber die Beamten hatten den Eindruck, "daß die Eile bei Herrn P. lag". Er wollte, meinten sie, so schnell wie möglich einen Schlußstrich ziehen. In seiner Niedergeschlagenheit war er sehr friedfertig.

Friedfertig ist Werner P. von Jugend an gewesen. Friedfertigkeit aber hat oft genug eine Kehrseite, nämlich Antriebsarmut: Werner P. ist nicht dumm. Sein Intelligenzquotient liegt bei 103. Demnach könnte er sich, käme es nur auf den Kopf an, ganz gut durchs Leben schlagen. Nur spornen ihn Milieu und Lebenserfahrung nicht an. Zu seinem Vater hat er ein miserables Verhältnis, seine Mutter möchte ihm helfen, findet aber den Weg nicht, und seine beiden älteren Brüder geben ihm schlechte Beispiele. Er bleibt in der Volksschule dreimal sitzen und verläßt sie nach der sechsten Klasse.