Heftige Diskussionen nach dem Gutachten der "fünf Weisen"

Von Heinz Michaels

Süh mal, Korl, die Geschichte kommt auf einen Punkt raus: alle woll’n sie was haben, un keiner will was missen" – so faßt in breitem Mecklenburger Platt der Inspektor Bräsig in Fritz Reuters Roman "Ut mine Stromtid" seine Erfahrungen über die Verteilung der irdischen Güter unter den Menschen zusammen. Und dieser ebenso eingängige wie unmittelbar einleuchtende Satz könnte auch das Motto sein für die Lohnrunde des Jahres 1978, deren Vorspiel nächste Woche mit den ersten Lohnverhandlungen in der Stahlindustrie beginnt.

Mehr noch: Der Satz könnte das Leitmotiv sein für eine Geschichte der Lohn- und Tarifpolitik in der Bundesrepublik. Die Geschichte einer fast dreißigjährigen Suche nach dem "gerechten" oder dem "richtigen" Lohn, eines ständigen Tauziehens darum, welchen Anteil am Volkseinkommen die Gruppe der Arbeitnehmer und welchen die Gruppe der Unternehmer haben soll.

Es geht, kurz gesagt, um die Lohnquote, wie man in der Volkswirtschaftslehre den prozentualen Anteil der "Bruttoeinkommen aus unselbständiger Arbeit" am Volkseinkommen nennt.

Die heftige Reaktion der Gewerkschaften auf das Jahresgutachten des "Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung", der "fünf Weisen", ist wohl nur vor diesem Hintergrund zu verstehen. "Ignoranz und politische Einseitigkeit" wirft der IG Metall-Vorsitzende Eugen Loderer den Sachverständigen vor und kommt zu der Schlußfolgerung: "Eine Tarifpolitik, welche sich auf derartige Phantasieprodukte des Sachverständigenrats stützen wollte, würde unverantwortlich handeln und den Arbeitgebern in die Hände spielen."

Just dies schlägt die Mehrheit der Professoren, nämlich vier der fünf – allerdings in wissenschaftliche Terminologie verpackt – als lohnpolitische Roßkur für die deutsche Wirtschaft und zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit vor. Der Anteil der Unternehmen am Volkseinkommen soll erhöht werden.