Die Affäre um den verkrachten Finanzier Sindona entpuppt sich immer mehr als politisches Ränkespiel

Von Friedhelm Gröteke

Er wußte zuviel. Aber er sagte nicht genug. Deshalb schnappten die Handschellen bei Mario Barone, dem für das Auslandsgeschäft zuständigen Vorstandsmitglied des staatlichen Kreditinstitutes Banco di Roma, zu. Der Mailänder Untersuchungsrichter Ovilio Urbisci wollte es nämlich genau wissen. Einen Tag später allerdings ließ er den "wegen Verweigerung der Aussage" festgenommenen Barone wieder laufen, nicht ohne ihm und seinem freiwillig zum "Gespräch" gekommenen Kollegen Giovanni Guidi die Pässe abzunehmen.

Urbisci nahm den Schnellzug nach Rom. Wenigstens diesmal wollte er Indiskretionen zuvorkommen. Beamte der Banco di Roma sperrten ihm den Tresor auf, in dem der Schlüssel zu einer der peinlichsten Enthüllungen der an Skandalen nicht eben armen italienischen Nachkriegschronik liegen sollte. Aber der Tresor war leer.

Signale an die Prominenz

Dabei hatte Italiens Publikum schon seit März aus "Presseenthüllungen" erfahren, daß fünfhundert zum Teil recht prominente Römer, und darunter vor allem auch Politiker, ihr Kapital über die 1974 zusammengebrochene Bankengruppe des Mailänder Finanzmaklers Michele Sindona ins Ausland geschleust hätten. Vor dem Milliardenkrach des Sindona-Zusammenbruchs, so las man, seien rechtzeitig Signale an die Prominenz ergangen, so daß die illustren Fünfhundert noch an die dreißig Millionen Dollar abheben konnten. Einige Blätter hatten sogar eine detaillierte Liste von Konten veröffentlicht, bei denen allerdings die Namen der Inhaber fehlten. Sie waren durch mehr oder weniger deutliche Anspielungen ersetzt worden, durch die sogar Italiens Staatspräsident Giovanni Leone und der Führer einer Partei ins Zwielicht gerieten.

Die Liste mit der ganzen Wahrheit nun sollte in einem Safe der Banco di Roma verborgen sein. Und Anita Gaimard, Vorstandssekretärin der Finabank in Genf, damals Sitz der schweizerischen Sindona-Interessen, habe das explosive Dokument persönlich in Rom abgeliefert. Darüber gebe es eine Aktennotiz im Büro des Vorstands Mario Barone.