Ubu lebt: Am Tag nach der Pariser Premiere fand im fernen, ehemals französischen Zentralafrika eine Posse statt, so lächerlich und so grausig, als habe Alfred Jarry sie erfunden. Ein kleiner Mann krönte sich selber zum Kaiser; und zum Krönungsfest hatte er sich einen meterhohen bronzenen Kaiserthron, eine meterlange prächtige Kaiserrobe und anderen kostspieligen Unfug bestellt. Sein Volk gehört zu den ärmsten der Welt. Doch zu Kaiser Bokassas Ehrentag durfte es auch einmal feiern – was vermutlich in einem nationalen Besäufnis endete. Afrika, im Dezember 1977.

Paris, im Dezember 1896: Auf die Bühne des Théâtre de l’CEuvre treten ein fetter Mann und sein häßliches Weib, Vater und Mutter Ubu. Vater Ubu sagt sein erstes Wort ("merdre!"), und schon bricht der Tumult im Publikum los. Die Uraufführung von Alfred Jarrys "König Ubu" gehört zu den klassischen Skandalen der Theatergeschichte – sofort nach der Premiere wird das Stück vom Spielplan abgesetzt, der einzige Kritiker, der es zu loben wagt, von seiner Zeitung fristlos entlassen. Danach ist Ubus Welterfolg natürlich nicht mehr aufzuhalten. Jarry, vom Alkohol und wohl auch von der eigenen Phantasie zunehmend zerstört, schreibt mehrere Fortsetzungen: auf "Ubu Roi" folgen "Ubu Cocu", "Ubu Enchainé", "Ubu sur la Butte". 1907 war Jarry 34 Jahre alt – und leider schon tot.

Ubu aber lebt: der kleine, feige Spießer, der König wird. Der seine Untertanen ausraubt und massakriert. Der zur Durchsetzung seiner "Politik" die groteskesten Marterinstrumente erfindet: das Kneifschwein, die Gehirnzerquetschmaschine, die Ohrenschere. (Ubu Bokassa übrigens führte in seinem gelobten Land die Strafe des Ohrabschneidens vor einigen Jahren wieder ein.)

Kleinbürger und Tyrann, Operettenfürst und Massenmörder: viele Ubus sind in den siebzig Jahren seit Jarrys Tod über die Bühne und leider auch durch die Wirklichkeit gelaufen. Im Augenblick sind es vor allem zwei Herrscher, die sich um Ubus Unsterblichkeit verdient machen: Bokassa I. und Idi Amin. Wer von den beiden der blutigere Tyrann und der größere Witz ist, wie der Wettkampf von Schrecklichkeit und Lächerlichkeit enden wird, können wir aus der Ferne betrachten, Ubus Untertanen aber nicht. Daß Lächerlichkeit tötet, bekommt hier einen neuen, furchtbaren Sinn: Sie tötet andere, nicht die Lächerlichen selber.

Keineswegs ist Schwarz-Afrika allein Heimat von Ubus Erben und Epigonen. In allen Kontinenten, in fast jedem Staat sind seine Nachfahren am Werke. Der General P. aus Chile? Der vielleicht nicht; der ist zu bieder und finster, hat nichts von Vater Ubus brachialem Charme. Aber sein Freund, der dicke aus Bayern, wäre eine treffliche Besetzung für die Rolle. "Der König stirbt", hieß ein Stück von Ionesco. König Ubu stirbt nie.

Vorbild der Ubü-Figur war ein trotteliger Physik-Professor in Jarrys Schule in Rennes. Dramatisches Vorspiel waren Shakespeares Tragödien – deren Intrigen und Effekte werden im "König Ubu" lust- und hohnvoll parodiert. Das Königsdrama, erniedrigt zum historischen. Kasperletheater. Doch was als freche Parodie geschrieben wurde, erweist sich heute als die kühnste Prophetie, die irgendeinem Dramatiker je gelungen ist: In den "Ubu"-Stücken ist, farcen- und fratzenhaft verzerrt, die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts vorhergesagt, die politische Geschichte (mit ihrer bizarren, eigentlich gar nicht mehr glaubhaften Gewalttätigkeit) genauso wie die Theatergeschichte.

Alle Angriffe auf das vornehme Hof- und Staats- und Literaturtheater haben denselben Ahnen: Vater Ubu. Daß die Weltgeschichte ein Wahnsinn ist, ein Wahnsinn in Gestalt einer Operette, wie Gombrowicz behauptet – es steht schon im "Ubu". Daß sich hinter unserer alltäglichen, kleinbürgerlichen Normalität das pure Chaos verbirgt, hat nicht erst Ionesco gemerkt – es steht schon im "Ubu". Wer immer in diesem Jahrhundert einen Klassiker umfunktioniert, entstellt, besudelt, hat bei diesem lustvollen Geschäft denselben Vorfahren: Jarry Ubu. "Herr Vater Ubu wird zufrieden sein: Zum Abendessen gibt’s Bürgerhirn": das könnte als Motto über vielen aktuellen Theatervorstellungen stehen.