Von Karl-Heinz Janßen

Ärgerlichen konnte es für die Machthaber im Kreml nicht kommen: Im Jahre des 60. Oktober-Jubelfestes in Moskau hat das kommunistische China die Völker Osteuropas ermuntert, sich mit Waffengewalt von der Vormacht der Sowjetunion zu befreien. Seit den Tagen des amerikanischen Außenministers John Foster Dulles, der in den fünfziger Jahren durch eine "Politik der Stärke" ("roll back") die Sowjets zum Rückzug aus den 1944/45 besetzten Gebieten zwingen wollte, hat niemand mehr von außen her so unverblümt an den nationalen Freiheitsdrang der osteuropäischen Völker appelliert wie jetzt die Propagandisten in Peking. Bisher hatten Mao und auch seine Nachfolger einzig für die Länder der Dritten Welt jedwede Art sogenannter nationalrevolutionärer Befreiungskriege als wünschenswert und förderungswürdig empfohlen – nunmehr wird die Theorie des Volkskrieges auch auf Europa angewandt.

Für ein paar Groschen ist auch in der Bundesrepublik (Peking-Rundschau Nr. 58 vom 8. November 1977) jener außenpolitische Grundsatz-Leitartikel zu haben, mit dem die parteiamtliche Pekinger Volkszeitung sechs Seiten füllte: "Die Theorie des Vorsitzenden Mao über die Dreiteilung der Welt." Es handelt sich um mehr als nur eine ideologisch verbrämte Weiterentwicklung jener von Mao im Jahre 1974 eher flüchtig entworfenen "Drei-Welten-Theorie" – hier haben Theoretiker und Praktiker gemeinsam die Generallinie der chinesischen Außenpolitik für die kommenden Jahre entworfen, ausgehend von den Prämissen, die Ministerpräsident Tschou En-lai mit seiner Kehrtwendung zu Amerika gelegt und die sein Freund Teng Hsiao-ping 1974 vor einer internationalen Rohstoffkonferenz zum erstenmal erläutert hat.

Da sich die chinesische Einteilung des Globus von der unsrigen unterscheidet, seien zum besseren Verständnis Maos berühmte Worte vom Februar 1974 wiederholt: "Meiner Meinung nach bilden die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion die Erste Welt. Japan, Europa und Kanada, die Kräfte der Mitte, gehören zur Zweiten Welt. Wir sind die Dritte Welt... Mit Ausnahme Japans gehört Asien zur Dritten Welt. Ganz Afrika gehört zur Dritten Welt, und Lateinamerika ebenfalls." Bei dieser Definition werden die beiden Supermächte der Ersten Welt ideologisch in einen Topf geworfen: als die "größten internationalen Ausbeuter, Unterdrücker und Aggressoren und die gemeinsamen Feinde der Völker der Welt". Sie zeichnen sich dadurch aus, daß – hüben wie drüben – "das Monopolkapital in seiner konzentriertesten Form" den Staatsapparat kontrolliere; beide Mächte kämpften miteinander um die Vorherrschaft in der Welt.

Ihnen gegenüber steht die Dritte Welt mit über siebzig Prozent der Weltbevölkerung – dazu gehören die "unterjochten Nationen" (Kolonialvölker wie in Südafrika), die "unterdrückten Länder" (unterentwickelt, ehedem von Kolonialmächten beherrscht, heute von den Großen wirtschaftlich abhängig) und die sozialistischen Länder (sie werden namentlich nicht genannt, doch sind keineswegs die von Moskau abhängigen Nationen gemeint). China, das sich selber noch als ein Entwicklungsland betrachtet, ist Teil dieser Dritten Welt.

Zwischen der Ersten und der Dritten Welt liegt die Zweite Welt, Ihre industrialisierten, modern entwickelten Länder besitzen einen Doppelcharakter, da sie zwar selber Nationen der Dritten Welt "unterjochen" oder "ausbeuten", gleichzeitig jedoch "der Kontrolle und Schikane durch die Supermächte ausgesetzt" sind. "Sie sind noch eine Kraft, die die Dritte Welt im Kampf gegen den Hegemonismus gewinnen oder mit der sie sich zusammenschließen kann." Wenn Mao in diesem Zusammenhang Europa erwähnte, dachte er an "solche Länder wie Großbritannien, Frankreich und Westdeutschland", die China für sich gewinnen müsse. Osteuropa wurde stillschweigend der von Moskau beherrschten "sozialistischen Gemeinschaft" zugerechnet. Doch nun heißt es kurz und bündig: "Das frühere sozialistische Lager existiert nicht mehr." Und die kommunistisch beherrschten Nationen Europas tauchen plötzlich unter dem Signum "Zweite Welt" auf, obschon sie ihrem Charakter nach weder mit den hochindustrialisierten Ländern der Europäischen Gemeinschaft noch mit Japan zu vergleichen sind.

Was die chinesischen Führer bereits vor einigen Wochen in Gesprächen zuerst mit dem CDU-Wehrexperten Wörner, dann mit Bundesaußenminister Genscher anvisierten, wird in dem Grundsatzartikel zum Programm erhoben: eine gegen die Sowjetunion gerichtete antihegemonistische Einheitsfront zwischen China, den bedrohten Völkern der Dritten Welt, Japan und den Europäern. Amerika, das in Pekinger Sicht eine Supermacht in der Defensive, ja sogar "im Niedergang" ist, soll dabei den Flankenschutz übernehmen, denn auf sein nukleares Abschreckungspotential kann niemand verzichten, der vor der sowjetischen Übermacht Schutz sucht. Es würde aller chinesischen Tradition widersprechen, diesen Zusammenschluß der Völker in ein regelrechtes Bündnis umzugestalten – China ist eine Welt für sich, die sich ungern in die Abhängigkeit von Bündnispartnern begibt. Mehr als eine lose "Entente", ein Einvernehmen über bestimmte außenpolitische Interessen, wird nicht erwartet.