Haffkrug-Scharbeutz

Zimmer frei", das meist handgemalte Pappschild wird in den Ostseebädern auch im Winter nicht aus dem Fenster genommen. Touristensilos, Hotel- und Appartementfabriken entlang der Ostseeküste von Schleswig-Holstein haben dem Geschäft mit dem Privatquartier kaum etwas anhaben können. Daß die Versuchung groß ist, daraus eine lukrative Einnahmequelle zu machen, zeigte sich in Haffkrug-Scharbeutz. Dort wurde ein nach den örtlichen Baubestimmungen im Bungalowstil vorgesehenes Einfamilienhaus zu einem stattlichen Backsteinbau mit 19 Appartements aufgeblasen. Als "Rendite-Objekt" für 875 000 Mark annoncierte schließlich die Landesbausparkasse die "Pension mit einer jährlichen Rendite von mindestens 100 000 Mark."

Unmittelbar beim Landschaftsschutzgebiet Wennsee in parkähnlichem Gelände gelegen, ist das kolossale Eigenheim bei den bescheideneren Nachbarn ausgesprochen unbeliebt. Größer noch ist ihre Empörung indessen über den zuständigen Baudezernenten Würfel, den die anderen Bungalowbauer als "ziemlich pingelig" kennengelernt hatten.

Dem einen war eine schmale Trennwand in der Garage wieder eingerissen worden, ein anderer hatte seinen Dachfirst nicht einmal um fünf Grad verändern dürfen. Wie Würfel jedoch "diesen stattlichen Gewerbebetrieb in einem reinen Wohngebiet zulassen konnte", sagt Nachbar Herfurth, "ist uns allen ein Rätsel". Wilde Gerüchte über "Beamtenwillkür" und die unbeantwortete Frage, wer da mit wem unter einer Decke stecke, machen darum in Scharbeutz die Runde. Obwohl die Geschichte schon vor sieben Jahren begann, ist der "Fall Würfel" für die tristen Wintermonate immer noch ein attraktiver Gesprächsstoff. Würfel selbst sieht das heute "alles sehr leidenschaftslos". Er sagt: "Ich stehe kurz vor meiner Pensionierung".

Durchaus nicht leidenschaftslos hatten dagegen die Nachbarn auf der Hoffmannschen Koppel beobachtet, wie vor ihrer Nase ein Haus von mal Quadratmetern Wohnfläche und fast zweimal so großer Nutzfläche buchstäblich aus dem Boden gewachsen war. Denn nachdem Bagger das Erdreich abgetragen hatten, ragte unübersehbar ein zweigeschossiges Wohnhaus in die Höhe, wo ursprünglich ein Hügel gewesen war.

Wer jedoch neun Kinder hat, für den reicht eben ein Einfamilienhaus üblichen Zuschnitts nicht aus. Der neue Nachbar, Karl-Heinz Möller, Handwerker mit eigenem Betrieb in Lübeck, ist Vater einer so zahlreichen Kinderschar. Für seine Familie sparte er nicht an Komfort: Die Doppelgarage wurde zum Schwimmbad mit Tischtennisraum umfunktioniert. Fast jedes Zimmer erhielt Duschbad, WC und Fernsehanschluß. Alles für die großen und kleinen Möllers, versicherte der Bauherr unter Eid dem Anwalt der zornigen nachbarlichen Interessengemeinschaft.

Als dann aber noch 18 Türklingeln und ebenso viele elektrische Zähler in dem Einfamilienhaus installiert wurden, kamen die mißtrauischen Zaungäste zu der Überzeugung: Entweder kassiert Vater Möller von jedem Familienmitglied Stromgeld, verkehren Eltern und Kinder nur per Türklingel untereinander, oder aber es entsteht in diesem Wohngebiet für Einfamilienhäuser ein solides Appartementhaus für Kurgäste.