Von Rolf Michaelis

Überwältigend der erste Eindruck: ein Hunderttausend-Leute-Stadion – leer. Ameisenhaft klein kriechen Menschen über Aschenbahn und Rasen. Wo ein Fußballtor stehen müßte, erhebt sich die Fassade des zerbombten Anhalter Bahnhofs, jener Symbol-Ruine gleich hinter dem Stammtheater der Schaubühne am Halleschen Ufer, auf dem Weg nach Ostberlin, die als Denkmal, wie die Gedächtniskirche am Ku’damm, erhalten wird: Sinnbild für die ausweglose Situation der einstigen Hauptstadt des Deutschen Reiches.

Gegenüber steht, mit Maschennetz verhäng:, ein richtiges Fußballtor. Und schon stürmen Männer in langen Mänteln herbei und schießen auf den Kasten, den eine Frau im Anorak bewacht. Aus Lautsprechern, gellt der Lärm, den Zehntausende machen, wenn der Ball im Netz zappelt. Einsam dreht ein Langstreckenläufer seine Runden, zwei Stunden lang. Hinter dem Tor springen zwei Sportler, oft gleichzeitig, über die Hochsprunglatte. Gegenüber der Haupttribüne, wo achthundert Zuschauer, in Pelze und Decken gehüllt, mit Thermosflaschen und Flachmann bewaffnet, Wärme suchend sich aneinander drängen, trainiert ein Stabhochspringer stundenlang den Fosbury-Flop. Hinter seiner mächtigen Schaumgummimatratze erstreckt sich auf der Gegentribüne ein Gräberfeld: Stramm wie zu Lebzeiten die Soldaten stehen die weißen Holzkreuze eines Kriegerfriedhofs in Reih und Glied. Neben den Kreuzen recken sich aus dem "Schnee" weißer Tücher dunkle Zypressen. Vier winzige Zelte, aus denen manchmal Rauch aufsteigt, sind im Mittelkreis, wo sonst Fußballspiele angestoßen werden, zusammengedrängt. Die Eingangsstufen unter dem flackernden Olympischen Feuer sind übersät mit leeren Pappkartons. Am Fuß der Treppe steht eine riesige, mit Folie bespannte Drahtplastik: Roß und Reiter, wie sie seit der Antike jeden olympischen Kampfplatz zieren.

Vor der fahrbaren Würstchenbude neben der Attrappe des Bahnhofs, an dem niemand mehr ankommt, von dem niemand mehr abreist, lungern Stadtstreicher. Zwei Jeeps in militärischer Tarnfarbe, mit aufmontierten Suchscheinwerfern, halten die Wermutbrüder und die ziellos über den Rasen hetzenden, über Hürden springenden oder kraxelnden Sportler/Schauspieler in Schach. Auf der Krone des Stadions flattern fünf bunte Fahnen im eisigen Nachtwind, darunter die schwarze Fahne der Anarchie. Auf der Anzeigetafel, auf der sonst Torerfolge, Siege, Niederlagen gemeldet werden, flimmern verstörend schöne Sätze:

Es ist besser, zur Biene zu werden und sein Haus zu bauen in Unschuld, als zu herrschen mit den Herren der Welt und, wie mit Wölfen, zu heulen mit ihnen.

Ein Endspiel in eisiger Kälte: Klaus Michael Grüber inszeniert im einschüchternden Riesenrund des Stadions, das sich Hitler 1936 für seine Olympischen Spiele auf das Reichssportfeld bauen ließ, mit acht "echten" Sportlern, mit Handwerkern, Kameraleuten, Photoreportern und zwanzig Mitgliedern des Ensembles der Berliner Schaubühne am Halleschen Ufer ein deutsches Trauerspiel, eine böse politische Assoziation an jene Art faschistischer Weihespiele, wie sie hier zwölf Jahre lang oft genug zu sehen waren. Der Theaterabend, nur achtmal zu erleben (zuletzt am 10. und 13. Dezember), heißt: "Winterreise im Olympiastadion – Textfragmente aus Hölderlins Roman Hyperion oder der Eremit in Griechenland‘".

Die rund achthundert Zuschauer, die an jedem Abend mit auf "Winterreise" gehen können ("Wolldecken stehen zur Verfügung" ist auf die Eintrittskarte gedruckt) und von der überdachten Haupttribüne auf das sportliche und theatralische Treiben im fast leeren Stadion schauen, können (wenn sie sie verstanden haben) der "Stimme Diotimas" nachsprechen: