Von Horst Bieber

Wieder einmal verwirrte Fidel Castro seine Zuhörer, diesmal – vorige Woche in Havanna – eine Gruppe nordamerikanischer Agrarexperten und Journalisten. Die Wiederherstellung diplomatischer Beziehungen zwischen Kuba und den Vereinigten Staaten halte er, wie er beteuerte, für eine "moralische Verpflichtung". Dagegen lehne er die von Washington geforderten Gespräche über einen kubanischen Rückzug aus Afrika rundweg ab, auch dann, wenn ohne solche Verhandlungen das Klima eisig bleiben solle: "Sind wir ein unabhängiges Land oder nicht? Müssen wir von den Vereinigten Staaten abhängig werden, um unsere Beziehungen mit ihnen zu normalisieren?" Und deutlicher: "Wir verlangen ja auch nicht, daß Sie Ihre Truppen aus den Philippinen, Korea oder Westeuropa abziehen." Es fehlte auch der obligate Seitenhieb nicht: "Wie Sie wissen, haben Sie sogar Soldaten hier in Kuba" – im Stützpunkt Guantanamo, dessen Auflösung Castro immer dann verlangt, wenn sich die Regierung Carter seiner Meinung nach zu massiv um das kubanische Engagement in Afrika kümmert.

Es war nicht die erste, aber die entschiedenste Äußerung Castros nach jenem afrikanischen Mißgeschick, das ihn und die Russen Mitte November traf, als Somalia in einer dramatischen Kehrtwendung seine Beziehung zu Moskau und Havanna aufkündigte. Binnen 48 Stunden mußten Sowjets und Kubaner gemeinsam den ostafrikanischen Staat verlassen; mit der gleichzeitigen Unterstützung des somalischen Erbfeindes Äthiopien hatten sie sich in eine Sackgasse manövriert.

Indes trogen alle versteckten Hoffnungen, diese Schlappe könne dem maximo lider weitere Aktionen in Schwarzafrika so verleiden, daß er sich zu einem ehrenvollen Rückzug bereitfände. Seine Aussagen vor seinen US-Gästen belegen Kubas unveränderte Position.

Castro strebt ernsthaft bessere Beziehungen zu den Vereinigten Staaten an. Die Insel leidet immer noch unter den Auswirkungen der (wenngleich bereits gelockerten) Wirtschaftsblockade. Ein verbessertes Verhältnis zu Washington würde zugleich die Abhängigkeit vom sowjetischen Schutzherrn lockern und Havannas Bewegungsfreiheit vergrößern. Für die Dritte Welt. wäre ein Botschafteraustausch mit Washington die Besiegelung des geglückten kubanischen Versuchs, sich aus einer Großmachts-Bevormundung zu lösen und in ihrer Einflußsphäre ein anderes Gesellschaftsmodell zu verwirklichen.

Kuba will ein unabhängiges Land sein. So wenig es leugnet, daß es auf die Sowjetunion angewiesen ist, so sehr betont es, daß diese Bindung heute seinem freien Willen entspringe. Auch gegenüber Moskau demonstriert Castro Eigenwilligkeit und Selbstbewußtsein. Die Insel rechnet sich nicht bloß dem Ostblock zu, sondern zugleich dem Lager der Dritten Welt. "Der Mensch hat zwei Beine", erklärte er einmal vor Journalisten. Zwischen der unterentwickelten Welt und den sozialistischen Staaten zu vermitteln – darin sieht Castro seine Aufgabe und seine Chance, eine internationale Rolle zu spielen.

Eine eigenständige Rolle in der Weltpolitik heißt: nach beiden Seiten vorsichtig gegen den Stachel zu locken, bewußt begrenzte Konflikte mit der einen wie der anderen Supermacht zu riskieren. Dies kennzeichnet seit einem Jahrfünft Kubas Außenpolitik. Möglich wurde sie nach einer Konsolidierung der kubanischen Revolution, die Castro und seinen Anhängern erlaubt, sich verstärkt der Außenpolitik zu widmen – und da speziell Afrika.