Wissenschaft und Öffentlichkeit: Gedanken zu den Nobelpreisen / Von Thomas von Randow

Wenn der König von Schweden am Samstag seiner alljährlichen Pflicht nachkommt, die vom Sprengstofferfinder Alfred Nobel gestifteten Preise zu verteilen, werden wir die Namen der meisten Laureaten, die mit geziemender Verbeugung Goldplakette und Scheck aus der Hand des Monarchen empfangen, zum letztenmal hören. Gewiß, amnesty international und die mutigen Frauen von Irland, die schon vor der Nobelpreiskrönung weltbekannt waren, werden nicht in Vergessenheit geraten. Wohl aber die Wissenschaftler, eine Medizinerin und zwei ihrer Fachkollegen, drei Physiker und ein Physikochemiker. Ihre Leistungen sind fraglos bedeutend und der hohen Auszeichnung würdig, gleichwohl wird sich schon am Sonntag kaum jemand mehr ihrer Namen erinnern.

Liegt es daran, daß uns Laien die Erkenntnisse dieser Gelehrten zu esoterisch sind, zu abstrakt, als daß wir sie begreifen könnten? Nein, wäre es so – wie hätten dann die Nobelpreisträger Albert Einstein, Max Planck oder Niels Bohr so populär werden können? Die Theorien dieser drei Physiker sind an Unanschaulichkeit nicht zu überbieten, und sie gehen uns eher weniger an als jene Lehre, für die Ilya Prigogine in diesem Jahr mit dem Preis für Chemie ausgezeichnet wurde, die Thermodynamik der irreversiblen Systeme, die das Leben und seine Entstehung überhaupt erst mit den Naturgesetzen in Einklang bringt.

Liegt es daran, daß wir keinen Nutzen aus den neueren Forschungen ziehen? wiederum: Nein. Der praktische Nutzen, der uns aus den Entdeckungen der Physik-Preisträger dieses Jahres erwächst – aus der Festkörperphysik, der wir zum Beispiel die moderne Elektronik verdanken –, steht den praktischen Anwendungen der Arbeiten Wilhelm Röntgens oder Robert Kochs nicht nach.

Der Grund für die Gleichgültigkeit gegenüber den Naturwissenschaften liegt in einem allgemeinen Trend, der viele Zeitgenossen überraschen mag: Weltweit verbreitet sich Unlust zur Wissenschaft, ja Wissenschaftsfeindlichkeit. Paradoxerweise geschieht dies gerade in einer Zeit, in der uns allein die naturwissenschaftliche Forschung aus den Sackgassen Energie- und Rohstoffknappheit, Überbevölkerung und Umweltvernichtung herausführen könnte. Die Symptome sind unübersehbar.

Trotz des enormen Ansturms der Abiturienten auf unsere Universitäten melden die naturwissenschaftlichen Fachbereiche in diesem Semester, daß die bei ihnen verfügbaren Plätze für Studienanfänger nur zu siebzig Prozent eingenommen worden sind (ausgenommen ist hiervon die Biologie, die abgewiesenen Medizin-Bewerbern als Warteschleife dient).

Sachbücher, vor einem Jahrzehnt noch hauptsächlich Schilderungen naturwissenschaftlicher Errungenschaften in einer dem Laien verständlichen Sprache, widmen sich heute vornehmlich pseudo-psychologischen und übersinnlichen Spekulationen. Nicht die Kerntechnik, nicht die sensationellen Entdeckungen der Elementarteilchenphysiker, nicht die Chemie der uns alle umgebenden Kunststoffe machen Sachbuchauflagen, sondern das Bermuda-Dreieck, Astrologie, die Urschrei-Therapie und der Okkultismus. Gefragt ist die Verteufelung des wissenschaftlichen Denkens; gefragt ist Ivan Mich, der uns einzureden versucht, die Medizin habe uns überhaupt erst krank gemacht; gefragt ist nicht etwa der Autor, der uns darüber berichten könnte, wie Arzneimittelforscher die Lithiumverbindungen entdeckt haben, mit denen sogar schwerste Depressionen behoben und verhütet werden können.