Hamburg

Der meistgenannte, meistphotographierte, meistgefilmte deutsche Seemann ist ein für allemal an Land gegangen. Nach dreizehn Jahren Dienst auf der "Gorch Fock", die letzten sechs als Kommandant, wechselt der Kapitän zur See Hans Freiherr von Stackelberg, 53 Jahre alt, auf einen Führungsstabsposten in festen vier Wänden. Als "Botschafter in Blau" hat man ihn gerühmt. Vergleichbar allenfalls mit jenem Grafen Luckner, der in den zwanziger Jahren "Amerika eroberte", wie man triumphierend von dessen Sympathiefeldzug für Deutschland berichtete, hat er die erfolgreichsten Kaperfahrten in den Regionen nationaler PR, der public relations für die Republik, unternommen. Sein Schiff war sozusagen vollbeladen mit Vertrauenswerbung.

Sein Bild, vom Fernsehen verbreitet bis in den tiefsten Bayernwald, haben Millionen Menschen gesehen: wie der Souverän auf dem Achterdeck seinen Blick gen Horizont und sodann auf Masten, Rahen, Wanten richtet und knappe Befehle erteilt, die unverzüglich unter dem Gerufe und Geschrei der Offiziere und Maate, verstärkt durch Megaphone, überschrillt von Pfiffen, ein Gewimmel von Kadetten irgendwas aufführen lassen, was sich ausnimmt wie die wohlgeordnete Vorstellung eines Irrenhauses, ein Segelmanöver mithin, und wie dabei gottväterliches Wohlgefallen sich ins strenge Kommandantenauge schmuggelt; und weiche Blende von der Großaufnahme zur Totalen: Die Bark rauscht in frischer Brise dahin...

Das Leben ein Drehbuch? Von der Karriere des Hans von Stackelberg könnte man’s getrost behaupten. Doch wer ihm Starattitüden nachsagte, hatte die Brille des Neides auf der Nase, Ein Star war er nicht; er wurde, sportlich ausgedrückt, ein Crack auf dem Weltmeer. In Wettfahrten der Großsegler brachte er die "Gorch Fock" stets an oder mindestens in die Spitze. Er hat die bislang letzte Regatta dieser Art, mit achtzehn Schiffen aus vierzehn Ländern, aus Anlaß der 200-Jahr-Feier der USA, glänzend gewonnen. Und auf der Heimreise setzte er im vergangenen Sommer gleichsam das Ausrufezeichen hinter die Beweise seines seemännischen Könnens:

Mit 306,5 Seemeilen erzielte die "Gorch Fock" das beste Etmal, das man für ein Segelschiff gemessen hat. Ein Etmal ist die von Mittag bis zum nächsten Mittag zurückgelegte Strecke (in diesem Fall rund 568 Kilometer; eine Seemeile gleich 1852 Meter). Zu diesem Rekord gehörte natürlich Wetterglück. Aber, im Wetterunglück, wie im Orkan während seiner letzten Fahrt mit der "Gorch Fock", hat Hans von Stackelberg sich erst recht als Seemann ersten Ranges erwiesen Unter seinem Kommando hat es übrigens auf dem Schiff keinen einzigen schweren Unfall gegeben.

"Stürme, Sport und Staatsbesuche" heißt sein (fünftes). Buch, das in Kürze herauskommt. Mit dem Sport allerdings ist nicht nur das Segeln gemeint. Der aus dem Baltenland stammende Baron kann sich alle deutschen Reiter- und Fahrerabzeichen ans Marinejackett stecken, ist geprüfter Reitlehrer, amtiert als Turnierrichter und hat seine Reisen mit dem Segelschulschiff immer wieder zu reiterlichen Abenteuern genutzt. Er ritt auf Mustangs in den Rocky Mountains, auf Ponys auf Island, auf Berberhengsten in der Wüste und sogar auf Picadorenroß in spanischer Stierkampfarena. In Marokko absolvierte er die Springreiterausbildung an der Kavallerieschule. Etwa vierzigmal hat er in England und Irland an Fuchsjagden teilgenommen. Daß der Botschafter in Blau auch im roten Rock beeindruckte, hat seine Popularität im Ausland noch erhöht.

An Bord hat er Dutzende von Staatsoberhäuptern und Regierungschefs begrüßt. Die "Gorch-Fock", das unbewaffnete Kriegsschiff in nostalgischer Segelpracht, ist in jedem Hafen willkommen. Ihr Kommandant hat erfahren, "daß die Völkerverständigung auf dieser Ebene im Grunde eine sehr einfache Sache ist" (wie er im "Hamburger Abendblatt" erklärte). Sprüche, die dennoch auf Schwierigkeiten hindeuten, dürften ihm zwar nicht unbekannt sein: "Gott schütze uns vor Sturm und Wind und den Deutschen, die im Ausland sind"; und gewiß kennt er die lapidare Warnung an den braven Seemann: "Die Haie sitzen an Land!" Aber zweifellos hat er recht: PR per Segelschulschiff fällt leicht.