Im Jura wurde eine konkursreife Uhrenfabrik von ihren Arbeitern wieder flott gemacht

Was wir machen, ist legal", wehrt André Mottaz, seines Zeichens Sekretär der Sektion Dellsberg im Schweizerischen Metall- und Uhrenarbeiterverband (SMUV), allzu undifferenzierte Vergleiche mit dem Fall Lipe ab. Denn im Gegensatz zu Besançon war in der 12 000 Seelen großen Juragemeinde Dellsberg alles mit rechten Dingen zugegangen. "Dilletantisches Management" und "abenteuerliche Verpflichtungen in Südamerika" (SMUV), gepaart mit rezessionsbedingten Schwierigkeiten, hatten dem Chef der Uhrenfabrik Jura-Watch den Gang zum Konkursamt aufgenötigt. Vor dem Unternehmen, das zu Glanzzeiten 140 Mitarbeiter beschäftigte, türmte sich ein Schuldenberg von zweieinhalb Millionen Franken auf.

Doch die noch verbliebenen Mitarbeiter der maroden Uhrenfabrik – 26 an der Zahl – wollten sich nicht geschlagen geben. Statt ihren Arbeitsplätzen, die im Schweizer Jura Mangelware sind, nachzutrauern und stempeln zu gehen, nahm die Belegschaft unter Federführung des SMUV-Sekretärs das Schicksal in die eigene Hand. So ausweglos, schien die Situation nun auch wieder nicht; denn dem Schuldenberg von zweieinhalb Franken-Millionen stand zumindest ein Warenlager im Wert von zwei Millionen gegenüber. Auf Halde lagen nicht nur 100 000 Uhrwerke, sondern auch 50 000 Fertiguhren.

Eine Auffanggesellschaft mit einem Kapital von 60 000 Franken war schnell gegründet. 18 000 Franken brachte das Personal zusammen; den gleichen Betrag warf die Metallergewerkschaft ein; eine aus Sympathisanten zusammengesetzte Genossenschaft zeichnete weitere 30 Prozent, und die restlichen zehn Prozent steuerten Banken und Gemeinde bei. Ausgestattet mit Kapital knapp über der Mindestgrenze für Schweizer Aktiengesellschaften, machten sich die standhaften Uhrenwerker an die Arbeit. Die Gläubiger der alten Firma erklärten sich mangels anderer ernsthafter Interessenten nach einigem Hin und Her bereit, die Konkursmasse für zu stundende 45 Prozent der ausstehenden zweieinhalb Millionen Franken an die neugegründete AG der Uhrenbauer abzutreten.

Blieb als Hauptproblem die Verflüssigung der durch die übermäßigen Lagerhalden gebundenen Mittel. Doch auch da wußten sich die Uhrenwerker zu helfen. In Anlehnung an das Lip-Beispiel von jenseits der Grenze starteten sie einen Direktverkauf. Die Idee schlug ein; bereits am ersten Verkaufswochenende flossen für 3000 Uhren rund 120 000 Franken in die leeren Fabrikkassen. "Die gingen weg wie frische Weggli" (Brötchen), jubelte eine der Uhrenarbeiterinnen über den Verkaufserfolg, "wenn wir das schon früher gemacht hätten, dann wäre es wohl kaum zur Pleite gekommen". Hinzu kamen noch rund 1000 Bestellungen für teurere Ankeruhren. Denn die cleveren Uhrenwerker hatten zwar die billig gen Roskopfuhren, bei welchen die Schweizer Produktion weniger konkurrenzfähig ist, direkt zum Mitnehmen angeboten. Ankeruhren aber gab’s, damit der Roskopf-Absatz nicht gefährdet wurde, nur auf Bestellung.

"Die Bude blüht bereits" frohlockte auf der ersten Seite in großen Lettern die Boulevardzeitung "Tat" nach diesem ersten Teilerfolg; "der erste Schritt zur Sanierung war ein voller Erfolg", sekundierte die seriösere "Basler Zeitung" mit angebracht erscheinender Mäßigung. Denn über den Berg ist die Firma der wackeren Uhrenwerker noch keineswegs. Noch müssen neben der laufenden Produktion weitere 146 000 Ladenhüter an den Mann gebracht werden.

Alexander Mayr